dekoder | Russland entschlüsseln
Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien
Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Archipel Krim
Ein Multimedia-Dossier

Archipel Krim

Als vor fünf Jahren die Angliederung der Krim an Russland erfolgte, erschien dies vielen als massiver Umbruch. Kommentatoren sprachen über den Beginn einer neuen Ära, im positiven wie im negativen Sinne. Auf der einen Seite jubelte gerade das offizielle Russland, das nun wieder eine Stimme im Konzert der Großmächte bekommen habe, auf der anderen Seite kritisierte der Westen das aggressive Vorgehen Russlands, manche Beobachter warnten auch vor der Gefahr eines neuen Kalten Krieges.

© Dmitriy Pyankov

In diesen Debatten rückt die Halbinsel selbst mit ihrer multiethnischen und -sprachlichen Bevölkerung, ihrer vielschichtigen Geschichte und Kultur jedoch meist in den Hintergrund.

Geografisch eine Halbinsel, zerfällt die Krim diskursiv in unzählige kleinere und größere Inseln, die nur selten aufeinander Bezug nehmen: Die russische Krim, die ukrainische Krim, die tatarische Krim, aber auch viele kleinere, meist persönliche „Krims“ sind auf der diskursiven Karte des Krim-Archipels zu finden.

Der weltberühmte Tränenbrunnen auf dem Gelände des Khanpalastes Bachtschyssaraj etwa ist ein Denkmal der krimtatarischen Architektur Mitte des 18. Jahrhunderts, gleichzeitig wurde er dank Alexander Puschkins Poem zum Denkmal der russischen Literatur und später auch ein Anziehungspunkt für viele sowjetische, russische, ukrainische Touristen, die persönliche Erlebnisse aus dem Krim-Paradies in alle Ecken der ehemaligen Sowjetunion brachten. Zu Sowjetzeiten blieb der Palast stehen, obwohl nach der Deportation der Krimtataren 1944 die Anzeichen ihres nationalen/territorialen Anspruchs auf die Halbinsel weitestgehend beseitigt wurden. Heute vermögen die mit dem Brunnen verbundenen Erinnerungen und die Bewerbung um den Status eines UNESCO-Weltkulturerbes den Palast nicht vor historisch unsensibler Renovierung zu schützen.

Ist der Tränenbrunnen dadurch „unseres“ oder „eures“? Selbst anhand dieses einen Beispiels lassen sich unterschiedliche nationale Narrative erzählen, die alle anderen ausblenden würden. Je nach Perspektive verändert sich die Halbinsel, so dass man innerhalb dieser einzelnen Blickwinkel ihrer kulturellen, politischen oder auch rechtlichen Komplexität kaum gerecht werden kann.

Dieser Komplexität geht dekoder in Kooperation mit dem Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) und der Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen nach. Im Multimedia-Dossier Archipel Krim bilden wir die Debatten rund um die Angliederung der Krim ab, diskutieren Streitfragen rund ums Völkerrecht, verfolgen gängige Krim-Narrative, und nehmen dabei die Aspekte und Perspektiven auf, die die Krim-Diskurse ausmachen.

Das Dossier wurde von Wissenschaftlern, Journalisten und Medien-Entwicklern gemeinsam konzipiert und umgesetzt. Somit bildet es eine Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Journalismus.
Wie genau soll diese Schnittstelle aussehen? Wie unterscheidet sich die journalistische Fragestellung von der wissenschaftlichen? Welche Formate kann man nutzen? Warum müssen es überhaupt spezielle Formate sein?

Das alles sind Fragen, mit denen wir uns parallel zur inhaltlichen Arbeit beschäftigt haben.

Für das Dossier haben wir nun mehrere neue Formate entwickelt: etwa ein „byzantinisches Manuskript“, ein Debatten-Panel oder eine Foto-Timeline.

Wir sind uns sicher, dass sich diese „medientechnischen“ Überlegungen gelohnt haben. Denn so ist der Krimdiskurs innerhalb des Dossiers nicht zu einer einzigen „Wahrheit über die Halbinsel“ geworden, sondern es gibt im Archipel Krim zwischen den einzelnen diskursiven Krim-Inseln einen regelmäßigen und wissenschaftlich verifizierbaren Verkehr.