dekoder | Russland entschlüsseln
Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien
Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Archipel Krim
Ein Multimedia-Dossier

Russische Krim

Die Krim ist für viele Menschen in Russland ein besonderer Ort. Die meisten russischen BürgerInnen haben an die Halbinsel im Schwarzen Meer – anders als an andere Gegenden der ehemaligen Sowjetunion – eine besondere Bindung. Sie basiert auf einem komplexen Geflecht von sowohl überindividuell erfahrenen und gehörten historischen Erzählungen und Ereignissen als auch ganz persönlichem Erleben, etwa während zahlloser Urlaube. Die angebliche Taufe des „apostelgleichen“ Großfürsten Wladimir auf der Krim, die heroische Verteidigung Sewastopols, die Gedichte Puschkins, die Bilder Aiwasowskis, die schöne Natur und eine unbeschwerte Ferienzeit stehen exemplarisch für die erhebliche Bedeutung der Halbinsel. Dass Präsident Putin es zudem verstand, den Verlust der Krim an die unabhängige Ukraine – den viele als nationale Schande empfunden hatten – rückgängig zu machen und damit den postimperialen Schmerz vieler Russinnen und Russen zu lindern, muss ebenfalls bemerkt werden. Das rechtfertigt gleichwohl nicht die völkerrechtswidrige Einnahme der Halbinsel durch Russland, kann aber die mehrheitliche Zustimmung zur Einverleibung mit erklären.

Seit den 1920er Jahren schickte die Sowjetunion ihre besten Pioniere ins Jugendlager Artek auf der Krim / © Boris Kavaschkin/TASS Archiv

Nicht nur für russische StaatsbürgerInnen, sondern auch für viele slawische Bewohner der Halbinsel – circa 60 Prozent der Krimbevölkerung sind ethnische Russen und ungefähr 24 Prozent Ukrainer – war Russland das Land, mit dem viele von ihnen sich schon vor der Annexion im März 2014 besonders verbunden gefühlt haben. Die 1954 unter sowjetischen Vorzeichen erfolgte Überführung der Krim in die Ukrainische Sowjetrepublik hatte zwar schon bei Zeitgenossen für Unverständnis gesorgt, hatte aber keine praktische Relevanz, solange die UdSSR bestand.

Nach der Auflösung der Sowjetunion 1991 wurden die Karten neu gemischt. Doch auch wenn die russische Administration genauso wie bekannte Personen des öffentlichen Lebens – etwa der Schriftsteller und Nobelpreisträger Alexander Solschenizyn oder der langjährige Moskauer Bürgermeister Juri Lushkow – wiederholt ihren Unmut über die staatsrechtliche Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine formulierten oder diese in Zweifel zogen, so hat die Russländische Föderation in diversen verbindlichen Verträgen mit Kiew diese gleichwohl anerkannt.

Die im Zuge des sogenannten Euromaidan 2013/2014 genutzte Gelegenheit der Machtübernahme auf der Krim wurde von der Mehrheit der russischen Bevölkerung als Korrektur eines historischen Unrechtes wahrgenommen. Verstärkt wird diese Sicht durch flankierende, komplexe geschichtspolitische Maßnahmen: Einerseits wird die territoriale Integrität der Ukraine und deren Recht auf eine von Russland unabhängige Entwicklung in Frage gestellt, andererseits wird durch ein Set sich in unterschiedlicher Form endlos wiederholender kleinerer und größerer Erzählungen über „unsere Krim“ die Halbinsel als integraler Teil Russlands beschworen.

Die „Wiedervereinigung“ mit Russland, wie die Annexion der Krim in Russland offiziell heißt, bescherte dem Präsidenten Putin hohe Zustimmungsraten. Die von ihm und anderen Akteuren präsentierte Erzählung über „unsere Krim“ passt die Geschichte der Halbinsel in ein lineares russisch-ostslawisch-orthodoxes Muster ein, das ohne ein gerüttelt Maß an Geschichtsklitterung nicht auskommt. Allerdings sind die wesentlichen Elemente dieses Narrativs nicht die Erfindung des Präsidenten oder seiner Berater, sondern wesentlich älter.

Die sakrale Bedeutung der Krim

In vielen seiner Reden betonte Putin immer wieder, dass die Eingliederung der Halbinsel Krim für Russland und die Nation ein besonderes Ereignis gewesen sei. In einer Rede betonte er den hohen Anteil russischer Landsleute, die strategische Wichtigkeit der Halbinsel und deren spirituelle Bedeutung für die Nation und den Staat. Die Krim, auf der der Großfürst Wladimir 988 angeblich getauft wurde, sei für das orthodoxe Russland so bedeutend wie der Jerusalemer Tempelberg für die Judenheit und die Muslime. Der Präsident bezog sich damit auf die sogenannte Nestor-Chronik, die bis heute wichtigste Quelle zur Erforschung der Kiewer Rus: Demzufolge war der bis dahin heidnische Wladimir im Jahr 988 unweit des heutigen Sewastopol zum byzantinischen Christentum übergetreten. Zwar ist dessen Anwesenheit auf der Halbinsel im genannten Zeitraum unstrittig, aber ob seine Taufe, welche die Christianisierung der Kiewer Rus nach sich zog, tatsächlich auf der Krim stattgefunden hat, ist nicht wirklich zu klären. Andere Erzählungen unklaren Ursprungs betonen ebenfalls die sakrale Bedeutung der Krim, so etwa die Geschichte über den Apostel Andreas, der auf einer Wanderung vom Heiligen Land in das Gebiet des heutigen russischen Nordens auch auf der Krim gewesen sein soll … Kollektive Emotionen und Überzeugungen erweisen sich oft wirkungsmächtiger als geschichtswissenschaftliche Erkenntnis.

Die Krim als altes slawisches Siedlungsgebiet

Ähnliches gilt auch für die – eng mit der Vorstellung von der sakralen Krim verbundene – verbreitete Denkgewohnheit, nach der die Halbinsel ein seit alten Zeiten slawisches Gebiet gewesen sein soll. Texte wie die Vita des heiligen Kirill (Konstantin), der mit seinem Bruder Method die Grundlagen für das altslawische Alphabet geschaffen hat und im 9. Jahrhundert auf der Krim gewesen sein soll, begeisterten immer wieder russische Autoren. Schon deshalb – so eine vielfach geteilte Sicht – seien die zentralrussischen Regionen mit der Halbinsel durch eine gemeinsame Kultur und eine gemeinsame (heldenhafte) Geschichte unauflöslich miteinander verbunden.
Diese Sicht „funktioniert“ aber nur, wenn man die Zeitläufe ausblendet, denn erst im 20. Jahrhundert sind Russen zur dominierenden Gruppe auf der schon immer multiethnischen Halbinsel geworden. Dies erfolgte vor allen Dingen durch die Shoah, welche die NationalsozialistInnen auch auf der Krim begingen, und durch die Deportationen der KrimtatarInnen, BulgarInnen und GriechInnen durch das stalinistische Regime 1944/1945. Diese nichtrussische beziehungsweise nichtslawische Bevölkerung, die die Halbinsel seit Jahrtausenden prägte, wird in der offiziellen Erzählung heute ignoriert und in eine mentale Distanz gerückt.

Die KrimtatarInnen, die bis in das 19. Jahrhundert die Mehrheit der KrimbewohnerInnen ausmachten, galten zudem immer wieder als gefährliches und illoyales Element. Die Vorstellung, die krimtatarische Bevölkerung sei eine Art Fünfte Kolonne des militärischen Gegners, führte bereits Ende des 18. Jahrhunderts zum Beginn der Massenauswanderung von Krim-MuslimInnen in das Osmanische Reich. Den Höhepunkt der Stigmatisierung und Verfolgung markierte 1944 die traumatische Zwangsdeportation der krimatarischen Bevölkerung nach Zentralasien, die bis heute das krimtatarisch-russische Verhältnis belastet.

Der schon seit dem 18. Jahrhundert wiederholt geäußerte „Traum“ von russischen AkteurInnen – wie beispielsweise dem Favoriten Katharinas II. und Eroberer der Krim, Fürst Grigori Potemkin – die Krim von seinem muslimischen Bevölkerungsanteil zu „befreien“ und damit eine wahrhaftig russische Halbinsel zu schaffen, ging somit für einige Jahrzehnte in Erfüllung. Seit Gorbatschows Perestroika, besonders aber nach dem Zerfall der Sowjetunion konnten aber viele Krimtataren wieder einfacher in die alte Heimat zurückkehren. Wie hoch gegenwärtig der Anteil der krimtatarischen Bevölkerung auf der Halbinsel ist, kann nicht festgestellt werden; vor 2014 betrug dieser circa zwölf Prozent. Es ist aber davon auszugehen, dass deren Zahl gesunken ist, zumal krimtatarische AktivistInnen sich mehrheitlich gegen die russische Annexion ausgesprochen hatten und von den russländischen Stellen dafür ins Visier genommen wurden.

Die Krim in der militärisch-heroisch geprägten Erinnerungskultur

Die Einverleibung der Krim im März 2014 war bereits die zweite Annexion der Halbinsel. Die erste erfolgte bereits 1783 durch das Russländische Imperium unter Katharina II. („der Großen“). Damals war die Eroberung der Krim allein aus machtpolitischen Überlegungen erfolgt, denn die Halbinsel wurde und konnte damals noch nicht als ein Ort wahrgenommen werden, der historisch und kulturell auf das Engste mit dem russischen Kerngebiet verbunden ist. Die bisherigen Kontakte zwischen der Halbinsel und dem russischen Staat waren eher sporadisch und zumeist kriegerischer Natur gewesen.

Das seit dem 15. Jahrhundert unter osmanischer Oberhoheit stehende Gebiet hatte über lange Zeit die offene russische Südgrenze durch seine Reiterhorden bedroht, deren Tributforderungen hatten die Staatskasse belastet und die Sklavenzüge einen großen Verlust von Menschen bedeutet. Die fruchtbaren Steppengebiete konnten deshalb nicht dauerhaft besiedelt werden. Die Einvernahme der Krim 1783 und die Ausschaltung des Khanats war also bereits ein großer (auch militärischer) Triumph Sankt Petersburgs gewesen. Letztlich stand dieser Akt im Kontext mit weitreichenden kolonialen Plänen des Zarenreichs, nämlich dem unerfüllten Traum von einer Eroberung Istanbuls/Konstantinopels und der Errichtung einer mit Sankt Petersburg dynastisch verbundenen Monarchie (das sogenannte „Griechische Projekt“).

Taurische Reise der Zarin Katharina II. im Jahr 1787

Der Krimkrieg und der Zweite Weltkrieg prägen die kollektiv-russische Vorstellung einer ‚heroischen Krim‘ besonders nachhaltig: Besonders die Stadt Sewastopol als Basis der verehrten, tatsächlich aber militärisch immer nur mäßig erfolgreichen Schwarzmeerflotte, ist für RussInnen eine hochemotional besetzte „Heldenstadt“. 1854/55 hatte sie den Belagerern aus England, Frankreich, dem Osmanischen Reich und Sardinien-Piemont über 300 Tage und 1941/42 der deutschen Wehrmacht immerhin über 200 Tage standgehalten. Mehrere tausend Denkmäler und Tafeln – so will es zumindest die Legende – erinnern in der Stadt an diese heldenhaften Verteidigungen.

Die Krim als Ort russischer und antiker Kultur

Das milde mediterrane Klima und die Landschaft mit Bergen im Süden und Steppen im Norden unterscheiden sich erheblich von der Natur Zentral- und Nordrusslands. Die Kunde von der schönen und klimatisch bevorzugten Halbinsel erreicht nach der Einverleibung 1783 schnell ganz Europa, wobei die berühmte Taurische Reise der Zarin Katharina II. in Begleitung Kaiser Josefs II. und anderer Adliger und Diplomaten 1787 besonderen Anteil daran hatte. Die Krim wurde seitdem ein vielbereister Ort: Forschungsreisende, die russischen ZarInnen und bald auch ihre besser gestellten Untertanen verbrachten dort ihre Sommerfrische.

Viele Krim-Reisende schöpften dort künstlerische Inspiration: Einer der bekanntesten war wohl Anton Tschechow, der in seinem oberhalb von Jalta gelegenen Anwesen vergeblich Heilung von seiner Tuberkulose suchte (und dieser letztlich weit entfernt von seiner geliebten Krim, nämlich im deutschen Kurort Bad Badenweiler, erlag). Dem Touristenzentrum an der Südküste setzte er mit seiner Novelle Die Dame mit dem Hündchen (1898) ein literarisches Denkmal. Und dies war beileibe nicht das einzige: Noch präsenter dürfte nicht nur russischen BildungsbürgerInnen Alexander Puschkins Poem Der Tränenbrunnen (1821–1823) sein, in dem die unmögliche Liebe zwischen einem wilden, als unzivilisiert dargestellten Krim-Khan und einer sanften, christlichen Gefangenen aus Polen mit Namen Maria Potocka geschildert wird. Die Geschichte ist in dem immer noch existierenden Khan-Palast von Bachtschyssaraj angesiedelt und zieht noch heute Touristenmassen an. Der russische Nationaldichter Puschkin, der in den 1820er Jahren während seiner Verbannung nur wenige Wochen auf der Krim weilte, ist wie Lew Tolstoi, Alexander Grin, Maximilian Woloschin oder der Maler Iwan Aiwasowski sowie viele weitere SchriftstellerInnen und MalerInnen, dafür verantwortlich, dass die Krim im russischen kollektiven Bewusstsein als ein integraler Ort russischer Kultur gilt.

Zugleich wurde bereits im 18. Jahrhundert stolz auf die antike Vergangenheit der Krim hingewiesen. Immerhin gilt die Halbinsel ja als der Ort der klassischen Tauris, welche den gebildeten europäischen Oberschichten so wichtig war – unter anderem durch die Sagenwelt, den Iphigenie-Mythos und dessen Bearbeitungen wie Glucks Oper oder Goethes Iphigenie auf Tauris. Erst mit der Annexion 1783 hatte das Russländische Imperium nämlich „seinen“ Anteil am so prestigeträchtigen klassischen Altertum erhalten, dem dann allerdings in den nächsten Dekaden mit der Annexion Georgiens das klassische Kolchis, an dem die Argonauten das Goldene Vlies raubten, folgen sollte.

Die Krim als Urlaubsdestination der „werktätigen Sowjet-Bürger“

Um das besondere symbolische Kapital der Krim wusste auch die Sowjetmacht: Seit den 1920er Jahren schickte die Sowjetunion ihre besten Pioniere in das bis heute existierende Jugendlager Artek. Seit den frühen 1960er Jahren verbrachten Millionen regenerationsbedürftiger „Werktätiger“ ihren Urlaub auf der schönen Halbinsel, sei es im Kontext betrieblich oder gewerkschaftlich organisierter Reisen oder als AnhängerInnen des „wilden“ – also nicht organisierten – Tourismus. Die Krim erhielt bereits von Lenin den Ehrentitel des „Allunionssanatoriums“. Auch deshalb haben viele Russen heute noch eine so enge Bindung an diesen Ort, bereisten doch so viele SowjetbürgerInnen die Krim. Sie führten damit fort, was schon im 19. Jahrhundert zivilisationsmüde, politisch missliebige, kranke oder mehr oder weniger berühmte Russen und Russinnen auf der Krim gesucht und gefunden haben: Erholung, Inspiration und Exotik im mediterranen Flair.

Diese enge Bindung der Russinnen und Russen an die Halbinsel ist mit ein Grund, warum auch 2018, also vier Jahre nach der Annexion, die Umfragen immer noch eine hohe Zustimmung zur Eingliederung feststellen. Im Vergleich zur Zeit der euphorischen „Die-Krim-gehört-uns-Stimmung“ des Jahres 2014 ist sie in aktuellen Umfragen nur um zwei Prozentpunkte (von 78 auf 76 Prozent) gesunken.


Weiterführende Literatur

Jobst, Kerstin S. (2007): Die Perle des Imperiums: Der russische Krimdiskurs im Zarenreich, Konstanz

Jobst, Kerstin S. (2015): Die symbolische Bedeutung der Halbinsel Krim für Russland, in: Russland Analysen Nr. 291

Kozelsky, Mara (2010): Christianizing Crimea: Shaping Sacred Space in the Russian Empire and Beyond, Illinois

Plokhy, Serhii (2000): The City of Glory: Sevastopol in Russian Historical Mythology, in: Journal of Contemporary History, 35(2000), Heft 3, S. 369-383


Kerstin Jobst lehrt seit 2012 am Institut für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien. Sie forscht hauptsächlich zur Schwarzmeerregion, zum Kaukasus und zur Habsburgermonarchie. Kerstin Jobst ist Mitherausgeberin der Österreichischen Zeitschrift für Geschichtswissenschaft.