dekoder | Russland entschlüsseln
Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien
Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Archipel Krim
Ein Multimedia-Dossier

Die ukrainische Krim

Adler-Säule (Denkmal zur Erinnerung an die 1854 im Krim-Krieg versenkten russischen Schiffe), Sewastopol, 2007 / © Sergey Maximishin
Denis Trubetskoy, Ukraine

Denis Trubetskoy: 1993 geboren, gehöre ich bereits zu der Generation, die von Geburt an auf der ukrainischen Krim aufgewachsen ist. Zwar gehörte die Halbinsel seit 1954 zur Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik, besonders in meiner Heimatstadt Sewastopol war von dieser ukrainischen Zugehörigkeit jedoch nichts zu spüren, auch weil die Stadt – wegen der Stationierung der Schwarzmeerflotte – zu Zeiten der Sowjetunion von Moskau aus verwaltet wurde.

Gwendolyn Sasse, Deutschland

Gwendolyn Sasse: Noch zu Zeiten der Sowjetunion hatte es auf der Krim ein regionales Bestreben nach Autonomie gegeben. 1991 schufen die kommunistischen Eliten in der ukrainischen Sowjetrepublik die ASSR Krim. Sie bestand jedoch nur als eine Idee und Hülse, als die Sowjetunion sich Ende 1991 auflöste.

Auf der Krim stimmte Ende 1991 eine Mehrheit von 54 Prozent für die Unabhängigkeit der Ukraine – ein geringerer Anteil als in anderen Regionen der Ukraine, aber immerhin eine Mehrheit. Sie war unter anderem verbunden mit den damaligen Erwartungen an die wirtschaftliche Entwicklung der Ukraine. Auch der erste Präsident der unabhängigen Ukraine, Leonid Krawtschuk, wurde Ende 1991 mit über 50 Prozent auf der Krim gewählt.

Die Zeit von 1992 bis 1994 lässt sich als Aufstieg und Fall des Krim-Separatismus beschreiben. Die Mobilisierung einer letztendlich temporären russisch-nationalen Bewegung auf der Krim erreichte 1994 ihren Höhepunkt. Ihre Forderung nach Unabhängigkeit und dann zumindest nach weitreichender Autonomie wurde vom damaligen russischen Präsidenten Boris Jelzin nicht unterstützt und scheiterte letztendlich an internen Widersprüchen und dem Mangel an konkreten wirtschaftlichen Ideen, auf die die Krimbevölkerung gehofft hatte.

Die ukrainische Verfassung von 1996 und die Krimverfassung von 1998 definierten schließlich die „Autonome Republik Krim“, auch wenn die Verfassung die Ukraine zugleich als Unitarstaat beschrieb.

Dieses in der Verfassung verankerte Spannungsverhältnis zwischen Kiew und Simferopol wurde zu keinem politischen Problem. Denn die Inhalte der Autonomie beschränkten sich im Wesentlichen auf die offiziell genutzten Sprachen (neben Ukrainisch auch Russisch und Krimtatarisch) und lokale Steuereinnahmen.
Der Status spielte vor allem eine symbolische Rolle, deren Bedeutung jedoch nicht unterschätzt werden sollte.
Die Stadt Sewastopol erhielt in der Verfassung von 1996 einen Sonderstatus und unterstand der direkten Kontrolle durch Kiew und nicht Simferopol.

Hochzeit, Sewastopol, 2007 / © Sergey Maximishin
Denis Trubetskoy, Ukraine

Denis Trubetskoy: In der Praxis bedeutete das unter anderem, dass mein Vater, 1962 in Sewastopol geboren, wie viele andere Kinder in der Schule nicht mal Ukrainisch lernte. Auf der restlichen Krim spielte Ukrainisch zur Sowjetzeit ebenfalls keine Rolle, unterrichtet wurde es aber.
Dies führte wiederum indirekt dazu, dass mein Nachname im ukrainischen Pass bis heute falsch geschrieben wird. Ukrainisch müsste dieser Трубецький transkribiert werden, bei mir im Pass steht jedoch Трубецькой, was falsch ist. Der einfache Grund: Kurz nach dem Zerfall der Sowjetunion konnten die Bearbeiter in Sewastopol kaum Ukrainisch – und so hat es dieser Fehler in die Pässe geschafft.

Meine Mutter stammt zwar anders als mein Vater aus der Südukraine und unterhielt sich mit ihren Eltern stets auf dem sogenannten Surschyk, einer Mischung aus dem Russischen und dem Ukrainischen. Ich hab mich aber erst in der Grundschule mit dem Ukrainischen beschäftigt. Damals habe ich auch erstmals realisiert, dass der Staat, in dem wir lebten, die Ukraine und nicht Russland war, obwohl einige Menschen in der Umgebung anderes behaupteten. Wirklich prägend war der Ukrainisch-Unterricht nicht, denn das Ukrainisch unserer Lehrerinnen war ziemlich schlecht.
Nur bei einer hatten wir Glück, weil sie eine Muttersprachlerin war und aus der Zentralukraine stammte. Dass viele meiner damaligen Mitschüler heute fast kein Ukrainisch können, überrascht mich daher kaum, zumal die Missachtung im Unterricht groß war – vor allem bei Kindern russischer Militärs. Eine noch größere Missachtung war jedoch beim Geschichtsunterricht zu spüren: Eine der Lehrerinnen meinte sogar offen, dass sie von der ukrainischen Sichtweise auf die Geschichte nichts hält, als es etwa um den Holodomor ging. Sie kann ein wenig Deutsch, ist heute große Befürworterin der russischen Annexion und lässt keinen Text von mir unkommentiert – natürlich auf eine negative Art und Weise.

Gwendolyn Sasse, Deutschland

Gwendolyn Sasse: Diverse Regierungen in Kiew hatten seit 1991 von einer forcierten sprachlichen Ukrainisierung der Krim abgesehen und hatten damit trotz anderslautender Sprachgesetzgebung pragmatisch auf die kulturelle Prägung der Krim reagiert. Diese Entscheidung hatte wiederum auch mit der Rückkehr der in erster Linie russischsprachigen Krimtataren zu tun, die sich klar mit dem ukrainischen Staat identifizierten und deren Integration als potenzieller Konflikt angesehen wurde.

Die massive Rückkehr der Krimtataren aus Zentralasien, wohin sie beziehungsweise ihre Vorfahren 1944 deportiert worden waren, veränderte die Krim in den 1990er Jahren. Die ungeregelte Migration und Ansiedlung von insgesamt über 250.000 Krimtataren stellte die Region vor politische und administrative Herausforderungen, stärkte jedoch auch die Verbindung zwischen der Krim und Kiew: Die Krimtataren und ihre politische Interessenvertretung positionierten sich eindeutig auf der Seite des ukrainischen Staats, stellten Forderungen und grenzten sich und die Region dabei deutlich ab von Russland als Nachfolgestaat der Sowjetunion, die die Deportation zu verantworten hatte.

Ukrainische Matrosen, Sewastopol, 2007 / © Sergey Maximishin
Denis Trubetskoy, Ukraine

Denis Trubetskoy: Heißt das aber, dass sich keiner von uns als Ukrainer fühlte? Bei weitem nicht – obwohl die Identitätsfrage auch für mich eine schwierige war. Als Kind war ich wirklich verwirrt: Es hieß einfach immer, dass Sewastopol eine „russische“ Stadt sei, dass man sich kulturell russisch fühle, zweimal Neujahr feiere, nach Moskauer und nach Kiewer Zeit, und so weiter. Was soll das also bedeuten, wenn wir dann sagen, dass wir zur Ukraine gehören? Und welches Fußballteam soll ich denn bitteschön unterstützen?
Dank des Fußballs habe ich übrigens zum ersten Mal stark die Zugehörigkeit der Krim zur Ukraine gespürt: Während der WM 2006 jubelte ganz Sewastopol, als die ukrainische Elf im Elfmeterschießen gegen die Schweiz das Viertelfinalticket löste. Die Fußballfans der Krim gehörten zu den größten proukrainischen Kräften der Halbinsel, die Ultras von Tawrija Simferopol und FK Sewastopol waren mit denen in Kiew, Lwiw und Dnipro befreundet – und unterstützen sogar erstaunlich offen deren zum Teil nationalistische Ideen.

Und eigentlich spürte ich mit jedem Jahr mehr, wie die Bindung zur Ukraine wächst. Ich studierte zum Beispiel an der lokalen Filiale der Moskauer Lomonossow-Universität in Sewastopol. Sie war auch auf Wunsch der russischen Schwarzmeerflotte auf einem Grundstück der Flotte erbaut worden, die Offizierskinder sollten die Möglichkeit haben, an einer namhaften russischen Universität zu studieren. Und sogar dort gab es viele Menschen, die aufseiten Kiews waren.
An der Uni hatten wir auch Ukrainisch-Unterricht, was allerdings eher an der ukrainischen Gesetzgebung lag. Spätestens 2012 hatte ich den Eindruck, dass es selbst im russisch geprägten Sewastopol keine eindeutige Mehrheit mehr gibt für einen Anschluss an Russland. Und Ende 2013 unterstützten die meisten Bekannten von mir die Maidan-Revolution. Weil sie eine bessere Zukunft für ihr Land wollten, das schon die Ukraine war. Bis 2014 die Karten neu gemischt wurden und in russischen Staatsmedien eine massive Propaganda begann.

Gwendolyn Sasse, Deutschland

Gwendolyn Sasse: Einzelne russische Politiker, wie zum Beispiel der ehemalige Moskauer Bürgermeister Juri Lushkow, versuchten auch nach 1996, politische und kulturelle Verbindungen zwischen Moskau und der Krim und insbesondere Sewastopol zu fördern und zu instrumentalisieren.
Gemessen an der Wahlbeteiligung und den Wahlergebnissen in den ukrainischen Präsidentschafts- und Parlamentswahlen, war die Krim nach einer Zeit der Stärke der regionalen Kommunistischen Partei in die politische Landschaft des Südostens der Ukraine integriert. Vor 2014 gehörte sie zur politischen Basis des damaligen Präsidenten Viktor Janukowitsch.

Damit war die Krim kurz vor 2014 keinesfalls ein Ort starker Mobilisierung gegen die Ukraine oder für einen Anschluss an Russland.
Durch den Euromaidan kam es in Sewastopol zu einigen Protesten, doch die von Russland bemühte Rechtfertigung, man hätte gegen die Diskriminierung der russischen beziehungsweise russischsprachigen Bevölkerung auf der Krim vorgehen und auf die Mobilisierung der Krimbevölkerung reagieren müssen, entsprechen nicht der Realität des Krimalltags vor 2014.

Sewastopol, 2007 / © Sergey Maximishin
Denis Trubetskoy, Ukraine

Denis Trubetskoy: So eindeutig wie von vielen geschildert, ist die Lage für mich aber nicht. Die meisten Krim-Bewohner haben das ukrainische Kapitel abgeschlossen. Dennoch meldet sich zum Beispiel immer wieder ein alter Studienfreund von mir. Sein Vater, ein ehemaliger russischer Marineoffizier, war für die Logistik der Annexion zuständig. Mein Freund aber macht sich aufrichtige Sorgen um die Ukraine und schätzt viele Entwicklungen in Kiew als positiv ein. Zumindest einige Spuren hat die Ukraine auf der Krim also durchaus hinterlassen.
Ich selbst wünsche mir, dass ich irgendwann wieder auf die Krim fahren kann, ohne mir dabei ständig politische Gedanken machen zu müssen. Mittlerweile ist es schwer hinzukommen und ich war ziemlich lange nicht dort, obwohl meine Eltern nach wie vor in Sewastopol leben. Das wäre für mich natürlich am Wichtigsten.
Und sonst: Es wäre schön, wenn Moskau und Kiew sich nicht nur über das Territorium, sondern vor allem über die Menschen auf der Halbinsel Gedanken machen würden.

Gwendolyn Sasse, Deutschland

Gwendolyn Sasse: In einer repräsentativen Umfrage auf der Krim (2017) gaben 88 Prozent der 2000 Befragten an, in den letzten drei Jahren nicht in andere Regionen der Ukraine gereist zu sein. Über die verminderte Reisetätigkeit hinaus weist die Umfrage auf generell stark eingeschränkte persönliche Kontakte von KrimbewohnerInnen zu Verwandten in anderen Teilen der Ukraine hin: 44 Prozent gaben an, weniger Kontakt zu haben als vor 2014 (nur weitere 7 Prozent sagten, sie hätten keine Verwandte in anderen Regionen der Ukraine). Eine absolute Mehrheit der Befragten sprach sich für einen einfacheren Zugang über den Landweg Krim-Cherson aus.

Haben Sie in den letzten drei Jahren Regionen oder Städte in der Ukraine besucht?

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Wie oft haben Sie Kontakt mit Ihren Verwandten in der Ukraine?

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Quelle: Sasse, Gwendolyn (2017): Terra Incognita: The Public Mood in Crimea, ZOiS Report 3/2017, Berlin

Russische Matrosen, Sewastopol, 2007 / © Sergey Maximishin

© David Ausserhofer

Gwendolyn Sasse ist Wissenschaftliche Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin und Professor of Comparative Politics an der Universität Oxford.

© privat

Denis Trubetskoy arbeitet in Kiew als freier Journalist für deutschsprachige Medien. Er ist in Sewastopol auf der Krim geboren und hat bis 2015 an der dortigen Filiale der Moskauer Lomonossow-Universität Fernsehjournalismus studiert. Trubetskoy berichtet über die Entwicklungen in der Ukraine, aber auch in Belarus und Russland unter anderem für den Mitteldeutschen Rundfunk, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, die Jüdische Allgemeine und n-ost – Netzwerk für Osteuropa-Berichterstattung.