dekoder | Russland entschlüsseln
Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien
Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Archipel Krim
Ein Multimedia-Dossier

Die Krimtataren

Michael Kellner

Stefan Günther und Ole Witt, n-ost

© Moritz Küstner/n-ost

Zwei Männer betrachten die Landschaft des Tschatyr-Dag. In der Sprache der Krimtataren bedeutet „Tschatyr“ Zelt und „Dag“ Berg.
Sie tragen die Fahne der Krimtataren mit dem goldenen Tamga, dem Kennzeichen oder Siegel, das ursprünglich das Wappen der Girey-Dynastie des Krim-Khanat war. Das Krim-Khanat war geografisch wesentlich größer als die heutige Krim und eine bedeutende Macht in Osteuropa, bevor es 1783 von Russland annektiert wurde. Um die Kontrolle über diese wunderschöne, üppige und strategisch wichtige „grüne Insel“ wird seit 300 Jahren gestritten.

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Unmittelbar nach der Annexion der Halbinsel 2014 wurde verboten, den jährlichen Gedenktag an die Deportation der Krimtataren unter Stalin auf traditionelle Art und Weise zu begehen. Doch davon ließen sich die Krimtataren nicht beeindrucken. Sie stiegen zur Feier des Tages auf den Tschatyr-Dag. Etwa 5000 junge Krimtataren machten sich auf den beschwerlichen Weg und schufen somit eine neue Tradition, die seit der russischen Machtübernahme eingehalten wird.

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Drei krimtatarische Mädchen tragen die traditionelle Kleidung ihres Volkes, um Hydyrlez zu feiern, den Beginn des Frühlings, ein Fruchtbarkeitsfest. Hydyrlez gilt als der krimtatarische Nationalfeiertag und ist ein Freudenfest. Im Kalender der Krimtataren sind kulturelle Feiertage wichtiger als staatliche, was mitunter als Bedrohung angesehen wird. Die neuen de facto-Autoritäten reglementieren, wo, wann und wie Traditionen und Feiertage begangen werden.

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Die vierjährige Eftade, hier auf dem Arm ihrer Schwester, spricht Krimtatarisch. Krimtatarisch ist eine Turksprache, die dem Türkischen ähnelt, das in Istanbul gesprochen wird. Eftade gehört zu einer Minderheit: Der UNESCO zufolge ist Krimtatarisch eine stark gefährdete Sprache. Das ist eine dramatische Entwicklung im Vergleich zur ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als noch die Hälfte der Krimbewohner Krimtatarisch sprach, ungeachtet ihrer Ethnie. Die Deportation des Jahres 1944, die die Halbinsel ethnisch „säuberte“, trug ebenfalls dazu bei, die Sprache weiter ins Abseits zu stellen.

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Sprache ist ein zentrales Element, um eine Kultur zu bewahren, und es gibt viele Bemühungen, das Krimtatarische wiederzubeleben. In der postsowjetischen Zeit bis 2014 wurden mehrere Schulen eröffnet, in denen Krimtatarisch die Lehrsprache ist. Weil Krimtatarisch hauptsächlich in Familien gesprochen wird, musste sich die Lehrerin der ersten Klasse die Sprache selbst beibringen, um ihre Schüler unterrichten zu können. Die Bücher für den Unterricht wurden in Kiew, der Hauptstadt der Ukraine, entwickelt.

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Als immer mehr Krimtataren aus ihrem Exil zurückkehrten, wurden neue Moscheen gebaut und ältere wieder instandgesetzt. Das war notwendig, weil die Sowjetunion stark den Atheismus propagierte. Moscheen wurden zu Atheismus-Museen und Kinos umgebaut oder anderweitig zweckentfremdet, oder man ließ sie einfach verfallen. Krimtataren praktizieren eine moderate Form des sunnitischen Islam, aber die russischen de facto-Machthaber beobachten Moscheen wie diese hier argwöhnisch, weil sie religiösen Fanatismus und überhaupt Opposition befürchten.

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Jedes Jahr versammeln sich die Krimtataren am 18. Mai, um einen Gedenktag zu begehen. Sie beten für die Todesopfer der Deportation von 1944.
Der Tag dient auch dazu, die kulturelle Einheit zu fördern und politische Ziele für das folgende Jahr zu postulieren. Normalerweise nehmen Zehntausende an diesen Feierlichkeiten teil. In den letzten Jahren wurden solche öffentlichen Veranstaltungen allerdings von den Behörden verboten, die darin eine Gefahr sehen; deshalb wird dieser Gedenktag jetzt in kleinerem und privatem Rahmen abgehalten.

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Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion kehrten viele Krimtataren aus ihrem Exil, besonders aus Zentralasien, zurück. Es ging ihnen nicht darum, gewaltsam ihren enteigneten Besitz zurückzuholen, deshalb gründeten sie neue Siedlungen auf Grund und Boden, der vormals in sowjetischem Staatsbesitz gewesen war. Sie riskierten dabei, verhaftet und ausgewiesen zu werden. Die Krimtataren verfolgten dabei Strategien, wie man sie von Hausbesetzern kennt. Die Siedlungen wurden schließlich legalisiert, allerdings fehlt es bei vielen immer noch an wesentlicher Infrastruktur.

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Respekt den Älteren gegenüber ist ein zentraler Bestandteil der krimtatarischen Kultur. Das wird an diesem Foto der Familie Schewkijew deutlich, bei der drei Generationen unter einem Dach wohnen. Der Stellenwert, den die Älteren genießen, zeigt sich darin, dass sie nicht in ein Altersheim gehen, sondern zu Hause bleiben, wo nicht Fremde, sondern Familienmitglieder für sie sorgen. Das Haus der Schewkijews wurde vom Großvater und seinem Sohn nach ihrer Rückkehr auf die Krim gebaut. Die 84-jährige Großmutter Vilde wuchs ganz in der Nähe auf. Sie kann sich noch gut an die Deportation erinnern.

© Moritz Küstner/n-ost

Blick vom Tschatyr-Dag. Die Natur ist Teil einer Kulturlandschaft, in der jeder geografisch markante Punkt, sei es Hügel, Fluss oder Tal, einen beschreibenden Ortsnamen hat, ein sogenanntes Toponym. Diese Ortsnamen spielen eine große Rolle in volkstümlichen Erzählungen, über die Normen, Werte und Moralvorstellungen an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden. Wenn Ortsnamen per Dekret geändert werden (wie es bei jedem Machtwechsel der Fall war), sind bestimmte moralische Codes aus der Landschaft nicht mehr ablesbar; so geht Wissen verloren, das erst wieder reaktiviert werden muss. Allerdings haben sich einige markante Ortsnamen tief in das Gedankengut der örtlichen Bevölkerung eingegraben, ungeachtet von Regierungswechseln.

© Moritz Küstner/n-ost

Der Zweite Weltkrieg, der in diesem Teil der Welt Großer Vaterländischer Krieg genannt wird, war ein Wendepunkt für die Krim. Einige Krimtataren kämpften auf Seiten der Deutschen Wehrmacht; andere, wie der hier abgebildete Reschat Sabredinow, auf Seiten der Roten Armee. Er wurde mit vielen Orden ausgezeichnet. Am Ende des Kriegs erwies sich die Unterscheidung, wer auf welcher Seite gekämpft, die Sowjetarmee oder die Deutschen unterstützt hatte, als irrelevant: Die Krimtataren als solche wurden des Verrats beschuldigt und massenweise deportiert. Erst 1967 gestanden die Sowjetbehörden ein, dass unschuldige Krimtataren zu Unrecht angeklagt worden waren. Und erst nach dem Zusammenbruch der UdSSR durften sie wieder auf die Krim zurückkehren.

© Moritz Küstner/n-ost

Die Deportation begann ohne Vorwarnung in den frühen Morgenstunden des 18. Mai 1944. Die Menschen wurden von einem heftigen Klopfen an den Türen geweckt, dann wurde ihnen mitgeteilt, dass sie 15 Minuten hätten, um ihre Habseligkeiten zu packen. Viele Familienerbstücke und -archive wurden zurückgelassen oder zerstört. Jede Fotografie, die diese tumultartigen Zustände überlebt hat, wird wie ein Schatz gehütet.


© privat

Moritz Küstner arbeitet als freiberuflicher Fotograf in Hannover. Ein Jahr seines Studiums verbrachte er an der renommierten Danish School of Media and Journalism in Aarhus, Dänemark, wo er seine ersten Geschichten in Osteuropa fotografierte. Für seinen Bachelor Abschluss an der Fachhochschule Hannover als Fotojournalist und Dokumentarfotograf widmete er sich den Krimtataren nach der Annexion. So entstand seine Arbeit Die Stille ist der Klang der Furcht, aus der diese Bilder stammen. Mit Hilfe des Grenzgänger Stipendiums der Robert Bosch Stiftung wird er seine Arbeit zu den Krimtataren fortsetzen können.

© privat

Greta Uehling forscht zu Migration und Vertreibung. Sie lehrt im Program on Comparative and International Studies an der University of Michigan, wo sie auch Mitarbeiterin des Center for Russian and East European Studies ist. Uehling war zwischen 2015 und 2017 Fulbright-Stipendiatin in der Ukraine und 2018 Summer Fellow am Institute for the Humanities der University of Michigan. Sie ist Autorin von Beyond Memory: The Deportation and Return of the Crimean Tatars, der ersten ethnographischen Beschreibung der Deportation der Krimtataren 1944.

In Kooperation mit unserem Medienpartner ostpol