dekoder | Russland entschlüsseln
Zentrum für Osteuropa- und internationale Studien
Forschungsstelle Osteuropa an der Universität Bremen
Archipel Krim
Ein Multimedia-Dossier

Landschaft der Sehnsucht

(( PLATZHALTER FÜR DIE KARTE ))

Krim

Bild © Uliana Stavi

Die Krim ist eine Halbinsel im Schwarzen Meer. Mit ihren Steppen im Norden sowie den Bergen und der subtropischen Küste im Süden bildet sie eine vielfältige und unvergesslich schöne Landschaft. An der symbolischen Kreuzung zwischen Ost und West, Nord und Süd gelegen, zog die Krim schon seit der Antike verschiedene Ethnien an, die auf der Halbinsel oft tiefe kulturelle Spuren hinterlassen haben. Ortsnamen, Gebäude, archäologische Stätten, Legenden, Lieder oder nationale oft mythologische Geschichtsnarrative, die mit Quellen nicht belegt werden können, bilden eine bunte multiethnische Karte der Krim. So gilt sie nicht nur den drei größten Ethnien heute – Russen, Ukrainer und Krimtataren –, sondern auch Armeniern, Griechen, Juden, Roma, Bulgaren, Deutschen und vielen anderen als Sehnsuchtsort.

Jalta

Sommer am südlichen Ufer der Krim: Die Promenade in Jalta lädt zum Flanieren und Sonnenbaden ein. Foto: Marcin Konsek / Wikimedia Commons unter CC BY-SA 4.0

Sie sind der Inbegriff des Krimtourismus: Die Stadt Jalta mit ihrem subtropischen Klima und insbesondere die Jalta-Promenade am Meer. Das Nebeneinander von erhaltener Architektur aus dem 19. Jahrhundert und sowjetischer Infrastruktur erinnert an die Bedeutung und den Wandel des Tourismus auf der Krim. Die Jalta-Promenade ist eng mit der 1899 erschienenen Erzählung Die Dame mit dem Hündchen von Anton Tschechow verbunden. Diese Erzählung handelt von Verführung, Liebe und der fin-de-siècle Stimmung unter den Erholungssuchenden der russischen Elite.

An einem Ende der Jalta-Promenade erinnert ein Lenin-Denkmal an das Dekret, das 1920 den Wandel der Krim zum Kurort der Werktätigen vollzog. Nach 1991 brach die alte touristische Infrastruktur zusammen. Die Urlauber blieben aus und bevorzugten neue und günstigere Reiseziele, auch wenn die Jalta-Promenade an Sommerabenden mit Spektakeln aus Musik, Straßenkunst und Lightshows die Tradition dieser Kunstlandschaft fortzuschreiben versuchte. Seit der Annexion der Krim 2014 scheint statt der Neureichen eine breitere russische Mittelschicht die Krim als Urlaubsort wiederzuentdecken.

Gwendolyn Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationalen Studien (ZOiS)

Jewpatorija

Blickfang am Ufer: Die orthodoxe St.-Nikolaus-Kathedrale ist eines der Wahrzeichen der Küstenstadt / Foto: sovraskin unter CC BY SA-2.0

Jewpatorija oder Eupatoria (russisch Евпатория, ukrainisch Євпаторія), Kezlev (krimtatarisch), Kerkinitis (antike Bezeichnung): die Namensvielfalt spiegelt die multinationale Geschichte dieser Stadt. Diese drückt sich auch im religiösen architektonischen Erbe aus. Im Viertel „Klein Jerusalem“ koexistieren orthodoxe, griechische und armenische Kirche, Moschee, Synagoge und Gebetshäuser (Kenassen) der Karäer, einer tatarisch-jüdischen Minderheit. Jewpatorija ist Hafen, Industrie- und Kurort, berühmt für seinen Heilschlamm. Hier weilten die Ikonen der sozialistischen Literatur Nikolaj Ostrowski und Wladimir Majakowski. Letzterer bejubelte die „Gesundheitsschmiede Krim“, wo die Menschen im Eiltempo repariert werden. Und bedauerte all jene, die nie in Eupatoria waren.

Henrike Schmidt, Slawistin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt The European Spa as a Transnational Public Space and Social Metaphor

Aju-Dag

Um Aju-Dag ranken sich zahlreiche Legenden. Vorrevolutionäre Postkarte mit der Ansicht des Berges / Bild: CatherineByTheSea unter CC BY-NC 2.0

Der Berg Aju-Dag (dt. Bär-Berg oder russ. Medwed-gora) an der Südküste der Krim gehört zu den einprägsamen Landschaftsformationen der Region. Um ihn ranken sich zahlreiche, viel erzählte Legenden. In einer Version verwandelt Allah einen der Bären zu Stein, der seinen Befehlen, das Land zu zerstören, nicht gehorcht. Eine romantischere Version erzählt von einem Mädchen, das bei den Bären lebt, sich irgendwann in einen schiffbrüchigen Jüngling verliebt und mit ihm in einem Boot zu fliehen versucht. Ein Bär, der versucht, sie durch das Trinken des Wassers an Land zurückzuholen erstarrt, je nach Erzählart, durch Allahs Strafe oder die schöne Stimme des Mädchens.

Der Aju-Dag ist eines der eindrücklichsten Beispiele dafür, wie sich die multiethnisch geprägte Identität der Krimbevölkerung (Krymchane) in die tatsächliche und imaginierte Landschaft der Krim eingeschrieben hat. Die zahlreichen krimtatarischen Bezeichnungen für Landschaftsformen und die damit verbundenen Geschichten haben die Deportation der Krimtataren überdauert, wurden durch die Rückkehr der Krimtataren nach 1991 neu belebt und bleiben auch nach 2014 weiterhin im Bewusstsein der regionalen Bevölkerung verankert.

Gwendolyn Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS)

Dschankoj

„Auf dem Weg nach Sewastopol, nicht so weit von Simferopol, gibt es eine kleine Haltestelle. Für den, der das neue Glück sucht, gibt es keinen besseren Ort als Dshankoje, dshan, dshan, dshan“,  aus dem Jiddischen Volkslied Hej Dshankoj / Video © Bronisliva/Youtube

Mitte der 1920er Jahre entwickelte sich unter jiddisch-sprachigen Linken eine hitzige Debatte über jüdische Ansiedlungsprojekte. Die osteuropäisch-jüdische ArbeiterInnenbewegung unterstützte dabei besonders zwei Orte – Zion (jüdische Ansiedlung im heutigen Israel) und die Krim. Auf der Krim gründeten sich mehr als 80 jüdische landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften. In ihnen lebten und arbeiteten knapp 20.000 Jüdinnen und Juden. Mit Fraidorf (1931) und Larindorf (1935) gab es zwei Autonome Jüdische Gebiete auf der Halbinsel. Mit der Siedlungsbewegung wurde die Krim auch zu einem jüdischen Sehnsuchtsort, was das jiddisch-sprachige Volkslied Hej Dshankoj bezeugt. Im Lied wird Dshankoj als Ankunftsort der Siedlerinnen und Siedler besungen.

Überlagert von der Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts existierte der jüdische Sehnsuchtsort jedoch weniger als zwei Jahrzehnte. Während der deutschen Okkupation wurde die jüdische Bevölkerung auch auf der Krim gezielt vernichtet.

Jakob Stürmann, Doktorand am Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin

KaZantip

Das Festival lockte jährlich bis zu 100.000 Tanzwütige aus verschiedenen Ländern an / Video © KAZANTIP REPUBLIC II

Am Rande eines Surfwettbewerbs entstanden, fand das Elektro-Festival KaZantip erstmals 1997 als eigenständige Veranstaltung statt. Es lockte jährlich bis zu 100.000 Tanzwütige auf die Halbinsel, die als „Bürger der Republik KaZantip“ im fiktiven Partystaat ihren Sehnsüchten nachgingen. Den Namen verdankt das Festival seiner ungewöhnlichen Location: In den ersten zwei Jahren wurde im nie fertiggestellten Kernkraftwerk Krim südlich des Kap Kasantyp gefeiert. Mit der Krim-Annexion fand jedoch auch das ukrainische KaZantyp ein Ende. Es konnte nicht mehr wie zuletzt im Dorf Popiwka an der Schwarzmeerküste stattfinden, sondern musste 2014 nach Georgien ausweichen. Nach einer Pause in den Folgejahren wurde es 2018 erneut veranstaltet – nun jedoch im türkischen Badeort Kemer.

Studierende des Fachbereichs Osteuropastudien der Universität Hamburg (Seminar von Prof. Monica Rüthers)

Artek

„Wir sind Pioniere unserer großen Heimat, von Fürsorge der Partei stets umgeben.“ Sowjetischer Dokumentarfilm Am warmen Meer, 1940

Das Pionierlager Artek ist das Synonym für die glückliche sowjetische Kindheit. 1925 als Zeltlager für die Tuberkulosevorsorge in Betrieb genommen, lieferte es in den 1930er Jahren ikonische Bilder von Kindern in kurzen Hosen und weißen Pionierhütchen, mit Zypressen zwischen weißen Marmortreppen, Palazzi und blauem Meer im Hintergrund. Hierhin reisten nur die verdientesten Pioniere und die Kinder der Eliten für einen drei- oder sechswöchigen Sommeraufenthalt. Anfang der 1960er Jahre wurde das Lager zu einem ausgedehnten Komplex ausgebaut. Filigrane Bettenhäuser fügten sich in die Küstenlandschaft, und aus dem Privileg für wenige wurde ein Erlebnis, an dem breitere Kreise und vor allem auch internationale Jugendgruppen teilhatten. Das sowjetische Kindheitsparadies wurde schließlich zu einer wichtigen Trophäe der Krim-Annexion.

Monica Rüthers, Professorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Hamburg

Sewastopol

Iwan Aiwasowski,
Das russische Geschwader vor Sewastopol, 1846

Der Mythos von Sewastopol als russische „Heldenstadt“ entstand aus der schmachvollen Niederlage der russischen Armee und Flotte im Krimkrieg (1853–1856) durch die vereinigten britischen, französischen und osmanischen Truppen. Das Sewastopol-Panorama, das die Belagerung im Krimkrieg zeigt, wurde 1905 der Öffentlichkeit präsentiert und machte aus der Stadt einen der heiligen Orte des russischen Zarenreichs. Der Mythos, der den Heldenmut der zaristischen Vielvölkerarmee als alleinig russischen Heroismus darstellte, war der einzige, der die Revolution von 1917 überdauerte und wurde zusätzlich durch die Belagerung durch die Nazis (1941/1942) sowie den Kalten Krieg mit dem Westen noch befördert. 2014 wurde er zu einem mächtigen Instrument in den Ansprüchen Russlands auf die Krim.

Serhi Plokhii, Professor für ukrainische Geschichte an der Universität Harvard


Liwadija-Palast (Jalta)

Im Februar 1945 wurde der Liwadija-Palast zum wichtigsten Schauplatz der Jalta-Konferenz

Im Februar 1945 wurde der Liwadija-Palast, 1911 als Sommerresidenz des letzten russischen Zaren Nikolaus II. gebaut, zum Aufenthaltsort des US-amerikanischen Präsidenten Franklin D. Roosevelt und zum wichtigsten Schauplatz der Jalta-Konferenz. Auf der Konferenz einigten sich Roosevelt, Winston Churchill und Josef Stalin auf eine gemeinsame Strategie gegen NS-Deutschland und den Eintritt der Sowjetunion in den Krieg gegen Japan. Dort diskutierten sie das Schicksal des östlichen Europa und zeichneten einen Entwurf der Nachkriegsordnung. Außerdem wurden der Abstimmungsmodus im UN-Sicherheitsrat und die Aufnahme zweier weiterer Sowjetrepubliken (Ukraine und Belarus) als separate Mitglieder des UN-Rates beschlossen.

Serhi Plokhii, Professor für ukrainische Geschichte an der Universität Harvard

Aiwasowski Museum (Feodossija)

Iwan Aiwasowski, „Die neunte Woge“, 1850

Die Küste vor Jalta, die felsigen Klippen bei Sudak und immer wieder der Blick auf die offene See in seiner Heimatstadt Feodossija – das Schwarze Meer regte den Künstler Iwan Aiwasowski Zeit seines Lebens zu zahllosen Gemälden an. Den ephemeren Naturerscheinungen der Krimküste setzte er mit seiner monumentalen Malerei ein Denkmal.

Das Werk des 1817 in Feodossija auf der Krim geborenen Iwan Aiwasowski besteht nahezu ausschließlich aus Seestücken. Der Maler armenischer Abstammung – gerne auch zum „russischen Turner“ stilisiert – hatte seine Ausbildung an der Kunstakademie in Sankt Petersburg absolviert. Nach ausgedehnten Reisen und internationalen Erfolgen kehrte er an seinen Geburtsort zurück. Das alte Feodossija, geprägt durch seine bewegte Geschichte zwischen griechischer, römischer, byzantinischer und osmanischer Herrschaft, wurde zum Heimathafen. Hier gründete Aiwasowski sein eigenes Museum, das noch heute eine der Hauptattraktionen des Küstenorts darstellt.

Miriam Leimer, Kunsthistorikerin

Weiße Datscha (Jalta)

Anton Tschechow in der Weißen Datscha, Jalta, 1900 oder 1901

Anton Tschechow (1860–1904) und seine Dame mit dem Hündchen (1898) sind die globalen Gesichter des Mythos Krim. Die Novelle trug maßgeblich zur Wahrnehmung der Krim als russischem Sehnsuchtsort bei, über die Verfilmung mit Marcello Mastroianni (1987) weltweit. Die subtile Darstellung tragischer Liebe im Konflikt mit der gesellschaftlichen Norm entfaltet sich allerdings vor rein russischer Kulisse. Lokale Lebenswelten fehlen oder werden in der sowjetischen Verfilmung (1960) allenfalls als exotischer Hintergrund inszeniert. Tschechow selbst verbrachte seine letzten Lebensjahre in Jalta. Hier kurierte er – erfolglos – seine Tuberkulose. Sein Haus, die „weiße Datscha“, wurde noch zu Lebzeiten zum Treffpunkt Krim-kurender Intellektueller und ist heute Museum.

Henrike Schmidt, Slawistin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt The European Spa as a Transnational Public Space and Social Metaphor

Sanatorium Mellas (Jalta)

Blick auf das idyllisch gelegene Sanatorium Mellas / Foto © Henrike Schmidt

Das Sanatorium Mellas (griech. „silbrig“; für die umgebenden Berge) entstand in den 1920er Jahren auf dem Anwesen des russischen Grafen Perowski. Das Schloss im maurischen Stil bildet noch heute seinen Mittelpunkt, zusammen mit dem historischen Park, der Strandpromenade und der Heilquelle. Es wurde nach der Revolution enteignet und um funktionale Pensions- und medizinische Gebäude erweitert. Lange war es im Besitz der Moskauer Stadtregierung, deren Kader dort zur begehrten Kur (putjowka) geschickt wurden. 2012 wurde es an eine private Firma verkauft. Mellas illustriert in seinem eklektischen Stil (zaristisch-oriental und sowjetisch-funktional) Kontinuitäten und Brüche in der Kurortgeschichte der Krim. Unter den neuen Inhabern ist es auf die Therapie von Schlafstörungen spezialisiert und verdeutlicht den Wandel der Krankheitsbilder: von der Tuberkulose zum Burnout.

Henrike Schmidt, Slawistin und Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt The European Spa as a Transnational Public Space and Social Metaphor

Haus des Dichters (Koktebel)


Ob Maler, Dichter, Esoteriker oder Mystiker: Alle statteten sie dem Freigeist Maximilian Woloschin Besuche in seinem Haus in Koktebel ab. Gemälde von Boris Kustodijew, Öl auf Leinwand, 1927 / Bild: fotografische Reproduktion

Ein paar Meter vom Meer entfernt steht in der Küstenstadt Koktebel das sogenannte Haus des Dichters, das einzige vollständig erhaltene Gebäude der am Ende des 19. Jahrhunderts entstandenen Datschen-Siedlung. Das Haus gehörte Maximilian Woloschin (1877–1932), dem Dichter, Maler, Übersetzer, Kunst- und Literaturkritiker russisch-ukrainisch-deutscher Herkunft. Sein Haus in Koktebel mit seiner entspannten und inspirierenden Atmosphäre wurde zu einem Mekka für die literarische und künstlerische Elite Russlands. Zu Woloschins Gästen zählten unter anderen Marina Zwetajewa, Ossip Mandelstam und Michail Bulgakow. Unterschlupf fanden beim Dichter auch politische Flüchtlinge aller Couleur. Später vermachte er seine schiffsartige Villa dem sowjetischen Schriftstellerverband. Heute befindet sich im Haus das Woloschin-Museum, wo alljährlich das Woloschin-Poesie-Festival stattfindet.

Tatjana Hofmann, Slawistin und Literaturwissenschaftlerin an der Universität Zürich

Zwetajewa-Museum (Feodossija)

Die Schwestern Marina und Anastasia Zwetajewa lebten einige Zeit auf der Krim. Heute befindet sich in Marinas ehemaligem Wohnhaus ein Museum der beiden Schriftstellerinnen / Foto © Ihorpa/wikimedia unter CC BY-SA 3.0

Marina Zwetajewa (1892-1941) zählt zu den wichtigsten russischen Dichterinnen. Zudem war sie Prosa-Autorin und Übersetzerin. Auf der Krim lebte sie 1905 mit ihrer Mutter und ihrer Schwester Anastasia zunächst in Jalta. Nach Kur- und Studienaufenthalten in Westeuropa lernte sie 1910 in Moskau Maximilian Woloschin kennen, der zu ihrem Förderer und Mentor wurde, was sie in ihrem Essay Lebendiges über einen Lebenden (russ. Shiwoje o shiwom, 1932) beschrieb. Sie besuchte ihn von da an bis zur Revolution mehrmals in seinem Dichterhaus in Koktebel, was sie zu ihren glücklichsten Erinnerungen zählte. Nach dem Hungertod ihrer zweiten Tochter, dem Pariser Exil, der Verhaftung ihrer ältesten Tochter und ihres Mannes beging Zwetajewa 1941 im von der Krim weit entfernten Jelabuga Selbstmord. 2009 wurde in Feodossija ein Zwetajewa-Museum eröffnet.

Tatjana Hofmann, Slawistin und Literaturwissenschaftlerin an der Universität Zürich

Der Brunnen von Bachtschyssaraj

Eine Büste Puschkins blickt auf den Brunnen von Bachtschyssaraj, dem der Dichter ein literarisches Denkmal gesetzt hat

Im Jahr 1820 ließ sich der junge Alexander Puschkin von einer sentimentalen Legende zu einem Gedicht und dem Poem Der Brunnen von Bachtschyssaraj inspirieren, einer dramatischen Dreiecksgeschichte um Sehnsucht, unerfüllte Liebe und Eifersucht zwischen dem Khan und zwei rivalisierenden Frauen: der gefangenen Polin Maria und seiner leidenschaftlichen Ex-Favoritin Zarema. Puschkins Blick in die abgeschlossene Welt von Palast und Harem lässt (Männer-)Phantasien der europäischen Romantik Gestalt annehmen, sie kreisen um Leidenschaften, soziokulturelle Andersartigkeit und die Magie des Südens. Bis heute verdankt Bachtschyssaraj Puschkin seine Anziehungskraft als romantischster Ort der Krim.

Angela Huber, Slawistin und Literaturwissenschaftlerin an der Universität Potsdam

Mangup


Ruinen auf dem Tafelberg Mangup: Spuren einer bewegten Besiedlungsgeschichte

Der mächtige Tafelberg Mangup war einst das Zentrum der Gotthia, des Gotenlandes. Kaiser Justinian I. (527-565) ließ auf dem Plateau des Berges eine Festung errichten. Die dort lebenden Goten standen in einer engen, aber nicht immer konfliktfreien Beziehung zur nahen byzantinischen Stadt Chersonesos. Ob der Berg noch zu Byzanz gehörte, als das Reitervolk der Chazaren im 8. Jahrhundert die Krim prägte, ist genauso strittig wie der Grad der chazarischen Einflussnahme. Nach Mitte des 9. Jahrhunderts verlor der Mangup an Bedeutung, das Bistum, das es dort seit Anfang des 8. Jahrhunderts gab, blieb allerdings bis ins 18. Jahrhundert bestehen. Im 13. und 14. Jahrhundert wurde der Mangup von den Mongolen belagert und zerstört, 1475 fiel er in die Hände der Osmanen.

Stefan Albrecht, Osteuropahistoriker an der Universität Mainz

Sudak

Siedelten am am Ort der bekannten Genueser-Festung Sudak einst Vorfahren der Bulgaren? Eher nicht, trotzdem hat sie ihren Platz im bulgarischen Nationalmythos / Foto © Dar Weter unter CC BY-SA 3.0

Auch wenn die ersten bulgarischen Niederlassungen auf der Krim erst Anfang des 19 Jahrhunderts gegründet wurden, ist die Krim ein fester Teil des bulgarischen Nationalmythos. Im bulgarischen Geschichtsnarrativ gilt zum Beispiel die Festung Sudak/Sudgeja als von Protobulgaren gegründet, was jedoch mit Quellen nicht belegt werden kann. Bei den Protobulgaren, deren Abstammung und Herkunft in der Forschung nicht genau geklärt ist, handelte es sich um turksprachige Nomadenstämme, die aus Zentralasien bis auf die Krim vorgedrungen waren. Unter Khan Kubrat (605–665) gründeten sie das Großbulgarische Reich, in den byzantinischen Quellen Magna Bulgaria. In der Erinnerungskultur der Bulgaren spielt die charismatische Figur des Khans Kubrat eine wichtige Rolle, und für die in der Ukraine lebenden Bulgaren hat sie eine maßgebliche Bedeutung – auch wenn es sein Sohn Asparuch war, der die turksprachigen Protobulgaren in den Donauraum führte und mit slawischen Stämmen verbündete.

Iskra Schwarcz, Assistenzprofessorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien

Kischlav (Kurskoje)

Anfang des 19. Jahrhunderts gründeten Bulgaren erste Siedlungen auf der Krim, unter anderem das heutige Kurskoje

Die Siedlung Kischlav (heute Kurskoje) ist neben Stary Krym (Eski Qirim) eine der ersten bulgarischen Niederlassungen auf der Krim, die am Anfang des 19. Jahrhunderts gegründet wurden. Es folgten 1828–29 eine zweite und nach dem Krimkrieg eine dritte Einwanderungswelle in die Städte Kertsch, Koktebel und andere. Die höchste Zahl von Bulgaren wurde 1939 gezählt (15.300). Bei den Massendeportationen von nicht-russischen Ethnien im Sommer 1944 wurden die Krimbulgaren nahezu vollständig nach Sibirien und Mittelasien übersiedelt. Ab 1988 kehrte circa ein Sechstel von ihnen wieder zurück. Sie gründeten eigene Kulturvereine, konnten Zeitungen herausgeben und eine eigene TV-Sendung betreiben. Heutzutage leben sie überwiegend in den Städten Simferopol, Kertsch und Sewastopol. Die Bulgaren befürworteten mehrheitlich die Annexion der Krim und der Bulgare Iwan Abasher vertritt die Republik Krim als Mitglied in der Gesellschaftlichen Kammer der Russischen Föderation.

Iskra Schwarcz, Assistenzprofessorin für Osteuropäische Geschichte an der Universität Wien

Usbek-Chan-Moschee (Stary Krym)

Einer der zentralen Orte krimtatarischer Geschichte: Die Usbek-Chan-Moschee in Stary Krym / Foto © Piotr Matyga unter CC BY-SA 4.0

Die Usbek-Chan-Moschee befindet sich in der Stadt Stary Krym und ist die älteste Moschee der Halbinsel. Sie wurde 1314 erbaut, eine „Medrese“, eine Koranschule, ist ihr angegliedert.

Die Moschee ist von besonderer Bedeutung, weil sie von Usbek Chan gegründet wurde, der den Islam zur Staatsreligion des Krim-Khanats erhob. Bis dahin hatten sich die Krimtataren als voneinander unabhängige Klans verstanden, sodass dieser Schritt für die Ethnogenese dieses Volkes von großer Bedeutung war. Mit anderen Worten schuf Usbek Chan damit die Basis, auf der eine gemeinsame krimtatarische Identität überhaupt erst entstehen konnte.

Bis zum 16. Jahrhundert war Stary Krym (dt. wörtl. „Alte Krim“) die Hauptstadt des Krim-Khanats, dann wurde die Hauptstadt nach Bachtschyssaraj verlegt. Bis heute ist Stary Krym jedoch für seine pittoreske Schönheit bekannt.

Greta Uehling, Anthropologin an der Universität Ann Arbor, Michigan

Khanpalast (Bachtschyssaraj)

Einst Machtzentrum des Krim-Khanats, heute einzigartiges Architekturdenkmal: Der Khanpalast zählt zu den bekanntesten Sehenswürdigkeiten Bachtschyssarajs / Foto © Fluid70 unter CC BY-SA 3.0

Der Khanpalast wurde im 16. Jahrhundert errichtet. Hinter einer großen Mauer befinden sich eine Moschee, die Wohngebäude des Khans, ein Harem, Gärten, Brunnen und ein Friedhof. Die Architektur verrät osmanische, persische und italienische Einflüsse.

Die Pläne für das Anwesen stammten von Khan Hacı I. Giray, der durch die Verlegung des Palastes seine Macht festigen wollte; er stand bis dahin in Çufut Qale im Südwesten der Krim. Çufut Qale ist der Name eines Felsvorsprungs, der das Tal abschirmt, das einen natürlichen Schutz für den Palast und die Stadt Bachtschyssaraj bildet. Das Anwesen soll die russische Annexion Ende des 18. Jahrhunderts nur aufgrund der Kräfte des „Brunnens der Tränen“ überstanden haben. Viele andere historische Denkmäler wurden damals zerstört. Der Brunnen wurde von einem Khan entworfen, der den Tod seiner sehr geliebten Frau betrauerte. Er befahl den Bau eines mit Blumen geschmückten Brunnens (die Blumen sind aus Marmor), die ebenso weinen, wie er selbst.

Hinter dem Palast befindet sich ein Friedhof, auf dem 13 Khans beerdigt worden sind. Die hier abgebildeten Grabsteine verraten Familie und gesellschaftliche Stellung des hier Begrabenen. Der Friedhof wurde immer wieder mutwillig verwüstet. Außerhalb des Friedhofs finden sich zwei Palastbäder mit Kuppeldächern, architektonische Denkmäler, die seit dem 15. Jahrhundert unverändert überlebt haben.

Greta Uehling, Anthropologin an der Universität Michigan, Ann Arbor

Zincirli Medrese (Bachtschyssaraj)

Die Medrese in Bachtschyssaraj wurde 1500 gegründet und zählt zum zentralen Kulturerbe der Krim / Foto © Ira556 unter CC BY-SA 3.0

Die Zincirli Medrese liegt in der Stadt Bachtschyssaraj. Medrese ist das arabische Wort für „Bildungseinrichtung“. Diese Medrese zeichnet sich dadurch aus, dass sie, im Jahr 1500 erbaut, die zweite höhere Lehranstalt ist, die in Osteuropa gegründet wurde. Der Name leitet sich vom Wort für Stahlkette ab.

Die Stahlkette besteht aus drei Teilen, die an einem Punkt zusammenlaufen und die drei Religionen Islam, Judentum und Christentum symbolisieren, die an einem Ort zusammenleben. Schließlich gab es in früher Zeit jüdische und christliche Gemeinden, die friedlich und in großer Nähe zueinander existierten. Die Ketten hingen über dem Eingangstor und jeder, der darunter hindurch ging, musste den Kopf beugen, womit er auch seiner Frömmigkeit Ausdruck verlieh.

Greta Uehling, Anthropologin an der Universität Ann Arbor, Michigan

Dschuma-Dschami-Moschee (Jewpatorija)

Die 1552 errichtete Dschuma-Dschami-Moschee ist das größte muslimische Gotteshaus auf der Krim / Foto © Neovitaha777 unter CC BY-SA 4.0

Dschuma-Dschami ist die größte Moschee auf der Krim. Sie wurde 1552 in Jewpatorija von Khan Devlet I. Giray gegründet. Er beauftragte einen Architekten aus Istanbul mit dem Bau, und der osmanische Einfluss ist nicht zu übersehen. Ein besonderes Kennzeichen der Moschee sind die 12 Kuppeln, die den Innenraum statt einer Zentralkuppel überspannen und ihm damit eine besondere Weite verleihen. Dschuma-dschami bedeutet Freitags-Moschee. Eine ihrer wichtigsten Funktionen bestand in der Weihe des Khans, der die Krim beherrschte; viele Jahrhunderte lang kontrollierte das Krim-Khanat ein Gebiet, das weit über die Halbinsel hinausging.

Die sowjetischen Behörden widmeten die Moschee aus ideologischen Gründen in ein Museum der Religionen und des Atheismus um. Das Gebäude verfiel zusehends, wurde inzwischen aber wieder restauriert.

Greta Uehling, Anthropologin an der Universität Ann Arbor, Michigan

Ak Kaya (Belogorsk)

Ak Kaya, die Weiße Klippe: Wahrzeichen und ehemaliger Versammlungsort der Krimtataren / Foto © Seitmemetoff unter CC BY-SA 3.0

Ak Kaya ist ein gewaltiges weißes Felsmassiv bei Belogorsk. Es ist ein natürliches Wahrzeichen, das einen wichtigen Rang in den Legenden der KrimtatarInnen einnimmt. Zusätzlich hat es eine politische und kulturelle Bedeutung, denn hier versammelt sich das Kurultai, das Parlament der KrimtatarInnen.

Das Kurultai ist eine Versammlung von 250 Delegierten, die für fünf Jahre demokratisch gewählt werden. Es vertritt die Interessen der krimtatarischen Bevölkerung. Aus seinen Reihen werden auch die Mitglieder des Medschlis gewählt, der Exekutive der KrimtatarInnen, die die Belange der Bevölkerung zwischen den Versammlungen vertritt.

Weitere Bedeutung erhält das Massiv durch den Umstand, dass dort im Zuge der russischen Kolonialisierung seit dem Ende des 18. Jahrhunderts Imame, Intellektuelle und Widerständler, die nicht mit den russischen Behörden kooperieren wollten, erschossen wurden.

Greta Uehling, Anthropologin an der Universität Ann Arbor, Michigan

Medschlis des Krimtatarischen Volkes (Simferopol)

Der Medschlis ist das Selbstverwaltungsorgan der Krimtataren. Bis 2014 tagten sie in diesem Haus in Simferopol / Foto © ShakhFor unter CC BY-SA 3.0

Der Medschlis des Krimtatarischen Volkes (auch „Höchster Medschlis“ genannt) hat seinen Sitz in der Hauptstadt Simferopol. Dieser Medschlis ist die oberste Exekutive der KrimtatarInnen und ausführendes Organ der Beschlüsse des Kurultai. Dem Höchsten Medschlis unterstehen 250 kleinere, lokale Medschlis, die die Interessen der krimtartarischen Bevölkerung registrieren.

Das aktuelle Medschlis des Krimtatarischen Volkes wurde 1991 gegründet, nachdem viele KrimtatarInnen aus ihrer Verbannung in Zentralasien zurückgekehrt waren. Letztendlich ist es Ziel des Medschlis, sich um das Wohl der KrimtatarInnen zu kümmern, indem er versucht, die Folgen der ethnischen Säuberungen durch die Sowjetunion zu lindern.

Russische Polizeikräfte besetzten 2014 das Gebäude des Medschlis, und 2016 wurde die Organisation verboten. Zeitgleich erkannte die ukrainische Regierung den Medschlis als Körperschaft an. Sie hat außerdem Schritte unternommen, die Institutionen Kurultai und Medschlis im ukrainischen Gesetz zu verankern.

Greta Uehling, Anthropologin an der Universität Ann Arbor, Michigan

Neapolis (Simferopol)

Durch archäologische Grabungen freigelegt: Neapolis, die Hauptstadt der Krim-Skythen / Foto © panoramio/Dimitri Wankewitsch unter CC BY-SA 3.0

Die befestigte Siedlung Kermentschik, die sich an der Grenze von Steppe und Bergen auf dem Gebiet des heutigen Simferopol befand, gilt seit Anfang des 19. Jahrhunderts als Neapolis, Hauptstadt der Krim-Skythen, die vom altgriechischen Geographen Strabo erwähnt wurde. Auf einem Hügel fanden sich antike Steinreliefs und Statuensockel mit griechischen Inschriften. Ausgrabungen legten 1946 Festungsmauern und Reste von Verwaltungsgebäuden frei, außerdem ein steinernes Mausoleum mit Gräbern des skythischen Adels, darunter König Skilurs. 1999 bestätigte die Entdeckung einer neuen griechischen Inschrift an diesem Ort, dass sich hier tatsächlich die Residenz der spätskythischen Könige befunden hatte, die in dynastischen Beziehungen zum bosporanischen Königshaus standen. Archäologische Überreste des Südpalastes und des Mausoleums wurden in das Schutzgebiet „skythisches Neapolis“ aufgenommen und können besichtigt werden.

Valentina Mordvintseva, Archäologin an der Higher School of Economics, Moskau

Gedenkstätte für die Opfer des Holocaust (Simferopol)

„Mein Gott, birg im Schatten Deiner Flügel alle Toten…“. Denkmal für die Opfer der Shoah in Simferopol / Foto © Klaus Norbert unter CC BY-SA 3.0

In der Nähe von Simferopol erinnert ein Denkmal an die während des Holocaust an dieser Stelle ermordeten Jüdinnen und Juden. Nachdem am 22. Juni 1941 rund drei Millionen deutsche Soldaten ohne Kriegserklärung die Grenze zur Sowjetunion überschritten hatten, eroberten sie bis Ende Oktober mit rumänischer Unterstützung große Teile der Krim. Evakuierungsmaßnahmen der sowjetischen Behörden brachten einen Teil der Bevölkerung in Sicherheit. Neuesten Schätzungen zufolge verließen so auch circa 25.000 bis 30.000 Juden die Krim. Die verbliebene jüdische Bevölkerung wurde nahezu vollständig ermordet. Anfang Dezember 1941 wurden innerhalb von fünf Tagen circa 13.000 Sewastopoler Jüdinnen und Juden und 1500 KrimtschakInnen erschossen, auch 600 Angehörige der Roma-Minderheit wurden im Zuge dieses Massakers zu Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungsideologie. Auch an anderen Orten der Krim kam es zu Massenerschießungen.

Jakob Reuster, Student der Geschichtswissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin

Ust-Alma (Palakion)

Die Ausgrabungsstätte in Ust-Alma war Ort bedeutender Skythenfunde / Foto © Oleksa Haiworonski unter CC BY-SA 3.0

Die befestigte Siedlung Ust-Alminskoje liegt an der Mündung des Flusses Alma und war in der Antike wahrscheinlich ein wichtiger Handelshafen. Vermutlich handelt es sich um den gleichen Ort, der von antiken Historikern Palakion genannt wurde und wo sich eine Festung des spätskythischen Herrschers Skilur befand. Archäologischen Funden in der Nekropole zufolge nahm die Bedeutung dieses Ortes während der römischen Präsenz auf der Krim zu. In unterirdischen Gewölben wurden zahlreichen Goldornamente, römische Bronzegefäße und sogar chinesische Lackschatullen entdeckt – die westlichsten Funde solcher Kästchen. Nach der gotischen Invasion bestand die Siedlung Ust-Alminskoje nicht mehr, jedoch wurden in der Spätantike (hunnische Epoche) auf dem Gräberfeld von Ust-Alminskoje erneut Bestattungen der herrschenden Elite durchgeführt.

Valentina Mordvintseva, Archäologin an der Higher School of Economics, Moskau

Grabhügel Kul-Oba (Kertsch)

Vasen wie diese zählen zum Gold der Skythen, das unter anderem in Kul-Oba gefunden wurde / Foto © Joanbanjo unter CC BY-SA 3.0

Der Grabhügel Kul-Oba, nahe der heutigen Stadt Kertsch, war der erste skythische Bestattungskomplex, der am Ende des 18. Jahrhunderts in den neu zum Russischen Zarenreich gekommenen Gebieten ausgegraben wurde. Das 1830 entdeckte Steingrab enthielt hauptsächlich Goldgegenstände von hohem künstlerischen Wert, Grabbeigaben für Königin und König, Schmuck (Diademe, Ohrringe, Armbänder usw.), Gegenstände des Leichenschmauses (Bronzekessel, Amphoren mit Wein, Becher usw.), militärische Ausrüstung (Schwerter mit prachtvollen Scheiden, Helme, Pfeilspitzen). Die meisten dieser Gegenstände sind Symbole der Macht. Die Entdeckung im Kul-Oba-Hügel löste eine Welle öffentlicher Aufmerksamkeit für die Skythen, ihre Grabkomplexe und Kunstobjekte im sogenannten „Tierstil“ aus. Das „Gold der Skythen“ aus den Museen auf der Krim wurde nach 2014 zum internationalen Politikum.

Valentina Mordvintseva, Archäologin an der Higher School of Economics, Moskau

Kozjubynskyj-Haus (Simejis)

Der ukrainische Schriftsteller Mychajlo Kozjubynskyj, Verfasser des Krimzyklus

Der ukrainische Schriftsteller Mychajlo Kozjubynskyj (1864–1913) arbeite im Rahmen der landwirtschaftlichen Schädlingsbekämpfung der russischen Regierung in den Jahren 1892–1896 in Moldawien und auf der Krim. Seine Erlebnisse und Begegnungen inspirierten ihn zu mehreren Prosatexten, die als Krimzyklus bezeichnet werden. Sie behandeln in drei umfangreichen Texte die Krimtataren und ihre Kultur, und wurden 2004 in einer krimtatarisch/ukrainischen Koproduktion verfilmt. Die Erzählungen thematisieren die soziale und kulturelle Situation im krimtatarischen Dorf und in der Stadt Bachtschyssaraj, dem kulturellen und politischen Zentrum der Krimtataren. Sie greifen die Modernisierung und damit einhergehende Probleme der krimtatarischen Kultur seit dem Ende des 19. Jh. in ihrer Verknüpfung mit der russisch-imperialen Gesellschaft auf. Zugleich erscheint das krimtatarische Modernisierungsprojekt als eine Parallele zu den damaligen ukrainischen Aktivitäten in Kultur und Gesellschaft, etwa in in Hinblick auf Sprachreform, Hebung des Bildungsniveaus, Alphabetisierung und der Verknüpfung von nationalen und sozialen Fragen. In Simejis befand sich seit 2011 ein Kozjubynskyj gewidmetes Museum, welches jedoch 2015 in ein allgemeines Stadtmuseum umgewandelt wurde.

Alexander Kratochvil, Slawist an der Universität Viadrina, Frankfurt/Oder

Datscha Gorbatschows (Foros)

In seiner Sarja (Morgenröte) genannten Datscha verbrachte Michail Gorbatschow seine Ferien. So auch während des Augustputschs 1991 / Foto © Vadim Indeikin unter CC BY-Sa 3.0

Der Name des an der Südküste der Krim gelegenen Ortes Fоros geht auf eine griechische Siedlung aus der Antike zurück. Im Russischen Reich war Foros Landsitz verschiedener Fürsten, bevor Ende des 19. Jh. ein Kurort errichtet wurde. International bekannt wurde der Ort während des Augustputsches 1991, als Michail Gorbatschow vom 19. bis 21. August während eines Urlaubs in der Datscha Sarja am Kap Foros festgehalten wurde. Dieser letzte Versuch der konservativen Eliten, Gorbatschows Reformprozess und neu ausgehandelten Unionsvertrag zu stoppen, scheiterte daran, dass der Präsident der Russischen Sowjetrepublik Boris Jelzin sich an die Spitze der Proteste gegen die Putschisten stellte. Gorbatschow kehrte politisch geschwächt nach Moskau zurück und konnte den Zerfall der Sowjetunion bis Ende 1991 nicht mehr aufhalten.

Gwendolyn Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS)

Simferopol

Der Bahnhof von Simferopol

Auf dem Gebiet der heutigen Stadt Simferopol wurde im 2. Jh. v. Chr. eine skythische Stadtsiedlung errichtet. Eine Stadt mit dem griechischen Namen Neapolis Skythika bestand noch bis ins 3. Jh. n. Chr. Anfang des 16. Jh. entstand hier die Tataren-Siedlung Aqmescit (auch Ak-Metschet). Sie diente zeitweise als Residenz des Statthalters des zu dieser Zeit vom Osmanischen Reich abhängigen Krim-Khanats. Nach der Eroberung der Krim durch das Russische Reich gründete Zarin Katharina die Große die Stadt mit dem heutigen griechisch anmutenden Namen. Im Zweiten Weltkrieg wurde Simferopol von der Wehrmacht besetzt. Hitler plante, die Stadt in Erinnerung an die Goten, die vor langer Zeit auf der Krim waren, in Gotenburg umzubenennen. Nach 1991 wurde Simferopol neben Sewastopol zunächst zum Schauplatz der russisch geprägten Unabhängigkeitsbewegung auf der Krim und dann zur Hauptstadt der in der ukrainischen Verfassung verankerten Autonomen Republik Krim.

Gwendolyn Sasse, Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS)

Deportationsdenkmal (Kertsch)

Wie hier in Kerch erinnern in verschiedenen Städten auf der Krim Denkmäler an die Deportationen verschiedener Krimvölker im Sommer 1944 / Foto © Visem unter CC BY-SA 4.0

Unzuverlässige Verräter seien sie, Kollaborateure und ein Sicherheitsrisiko für das gesamte sowjetische Volk – Anschuldigungen wie diese führten nach der Rückeroberung der Krim zur Deportation verschiedener Bevölkerungsgruppen. Auf der Krim waren vor allem die KrimtataInnen betroffen, die zum damaligen Zeitpunkt ca. 25 Prozent der Krimbevölkerung ausmachten. Tatsächlich hatten punktuell Kollaborationen mit den Deutschen stattgefunden, sowohl auf der Versorgungs- als auch auf der militärischen Ebene, sogar eine krimtatarische SS-Einheit existierte. Die Deportation betraf jedoch nicht diese Minderheit der Bevölkerungsgruppe, sondern die gesamte krimtatarische Bevölkerung, auch Soldaten die in der Roten Armee dienten oder Partisanen, die auf der Krim aktiv waren. Zwischen dem 18. und dem 20. Mai 1944 wurden sie in Züge verbracht und deportiert. 8.000 Menschen verloren während der Deportation ihr Leben. Kurz darauf wurden auch die Gemeinschaften der ethnischen Bulgaren, Griechen, Italiener und Armenier „umgesiedelt“. Vor allem im Fall der Krimtataren führten in den ersten Jahren nach der Umsiedlung primitivste Unterbringungen, Krankheiten und Nahrungsmangel zum Tod mehrerer zehntausend Menschen – bis heute das zentrale Trauma dieses Volkes. An mehreren Orten erinnern Denkmäler oder Tafeln an die Deportationen, zudem entsteht derzeit ein neuer zentraler Erinnerungskomplex in der Nähe des Bahnhofes von Siren bei Bachtschyssaraj.

Jakob Reuster, Student der Geschichtswissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin

Krasnogorskoje (Neusatz)

Postkarte mit Blick auf die „Kolonie Neusatz“, um 1900

Nachdem die Krim 1782 durch Annexion zu russischem Staatsgebiet geworden war, drängte Katharina II. auf eine Russifizierung und Christianisierung der Halbinsel, deren Bevölkerung zu knapp 98 Prozent aus muslimischen Krimtataren bestand. Viele von ihnen emigrierten in das Osmanische Reich und an ihrer Stelle wurden Ukrainer, Armenier, Bulgaren und Russen angesiedelt. 25 Jahre später entschieden sich auch einige deutsche Familien zur Auswanderung auf die Krim, vornehmlich Winzer, Bauern und Handwerker aus Süddeutschland sowie Mennoniten aus Westpreußen. Zar Nikolaus I. versprach den Neuankömmlingen Land und Privilegien, etwa Steuererleichterungen und Befreiung vom Militärdienst. Die ersten Siedlungen entstanden vor allem im Zentralland der Krim, etwa Neusatz, das heutige Krasnogorskoje. Später wurden dort in der Sowjetunion sogar zwei autonome deutsche Gebiete geschaffen, der Bijuk-Onlarski-Rayon (1930) und der Thälmann-Rayon (1935). Kurz nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion ließ Stalin im August 1941 knapp 53.000 Krimdeutsche nach Kasachstan deportieren, da er sie kollektiv unter Kollaborationsverdacht stelle. Heute leben erneut ca. 2500 Deutschstämmige auf der Krim.

Jakob Reuster, Student der Geschichtswissenschaften an der Humboldt Universität zu Berlin

Koktebel

Einer der populärsten Strände befindet sich in Koktebel / Foto: Tiia Monto unter CC BY 3.0

Koktebel – ein Ort, an dem der Süden vielmehr ein Lebensgefühl ist als eine Himmelsrichtung, eher das Versprechen eines aus Raum und Zeit gefallenen Ortes, frei von den Pflichten und Zwängen daheim. Die verschlafene Verträumtheit der südöstlichen Küstenstadt wird seit 28 Jahren bisweilen von der mal mehr, mal minder boomenden Tourismus-Industrie überrannt. Den Titel „Künstlerdorf“ bewahrt sich Koktebel nicht zuletzt mit seinem alternativen Reisepublikum, sondern auch mit den während der Sowjetunion eingewanderten Freigeistern, die das Städtchen als nimmer versiegende Inspirationsquelle für sich zu nutzen wissen. Sie tun es dem Künstler Maximilian Woloschin gleich, der sich 1917 hierher zurückzog und dem Ort mit Poemen und Malereien maßgeblich zu seiner Bekanntheit verhalf.

Studierende des Fachbereichs Osteuropastudien der Universität Hamburg (Seminar von Prof. Monica Rüthers)

Ukraijnka-Museum (Jalta)

Die bekannte ukrainische Schriftstellerin Lessja Ukrajinka beschäftigte sich viel mit der Krim

Für die ukrainische Dichterin Lesja Ukrajinka (1871–1913) wurde die Krim, auch aufgrund des milden Klimas, zur zweiten Heimat. Ihre Beschäftigung mit dem Orient insgesamt fand frühzeitig Niederschlag in ihrem Werk und die Krim wurde zu Thema und Motiv in zahlreichen ihrer literarischen und essayistischen Texte. Der ehemaligen Hauptstadt des Krim-Khanats Bachtschyssaraj sind drei Sonette gewidmet, die neben der Schönheit des Ortes auch den bedauernswerten Zustand der tatarischen Kulturdenkmäler und die Ignoranz der imperialen Beamten gegenüber der krimtatarischen Kultur ansprichen. Insgesamt erscheinen die Krimtataren und ihre Kultur in Ukrajinkas Texten als genuiner Teil der Krim. Ihre langen und wiederholten Aufenthalte auf der Krim verarbeitete sie auch im unvollendeten Roman Ekbal Hanem, in dem die Stellung von Frauen in einer von islamischer Tradition und Religion geprägten Gesellschaft und die Versuche ihrer Emanzipation thematisiert werden. Die Schriftstellerin lebte u.a. zwei Jahre in Jalta. Im ehemaligen Ukraijnka-Museum befindet sich seit 2016 eine Ausstellung zu Jalta im 19. Jh.

Alexander Kratochvil, Slawist an der Universität Viadrina, Frankfurt an der Oder

Chersones (Sewastopol)

Zeugnisse der antiken griechischen Kolonisation: Die Ruinen von Chersones / Foto © Dmitry Mottl/wikimedia unter CC BY-SA 3.0

Etliche Säulen und Steinmauern zeugen von der antiken Stadt Chersones, die griechische Siedler ab dem 6. Jh. v. Chr. nahe des heutigen Sewastopol errichtet hatten. Die 1820 freigelegte Baustätte zeigt die Krim einmal mehr als europäischen Erinnerungsort, seit 2013 gehört sie zum UNESCO-Weltkulturerbe. Mit der mythenumwobenen und nicht eindeutig belegten Taufe von Fürst Wladimir im 10. Jh. hat Chersones aber noch einen anderen Stellenwert: Hier liegen laut dem russischen Präsidenten die geistig-kulturellen Wurzeln Russlands. Bislang können Besucher die Jahrtausende alten Fundamente in einem Freilandmuseum besichtigen. Sollte Wladimir Putin seine Pläne verwirklichen, könnte aus der Stätte – noch 2007 zu einem der sieben ukrainischen Weltwundern erklärt – schon bald ein „russisches Mekka“ werden.

Studierende des Fachbereichs Osteuropastudien der Universität Hamburg (Seminar von Prof. Monica Rüthers)

Was vermissen sie noch?

Bild © Uliana Stavi

Die vielfältige Kulturlandschaft wird auf dieser Krimkarte weiterhin vervollständigt. Falls Sie zur Krim geforscht haben und gerne einen neuen Eintrag verfassen würden, melden Sie sich bei uns. Auch Hinweise jeder Art sind willkommen.

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