Seit der Angliederung der Krim an Russland ist die Halbinsel zur terra incognita geworden. Der Zugang zur Krim ist seitdem viel komplizierter: Die Landroute durch die Ukraine, die bis zur feierlichen Eröffnung der Krim-Brücke 2018 die einzige Landverbindung auf die Krim war, ist selbst für Krimbewohner und deren Verwandte immer noch äußerst schwierig zu befahren. Diejenigen, die über Russland auf die Krim einreisen, machen sich nach ukrainischem Recht strafbar und riskieren ein Einreiseverbot in die Ukraine.
Wie sieht der Alltag auf der Krim heute aus? Wir zeigen Ergebnisse einer Umfrage des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) sowie Ausschnitte aus Reportagen von Thomas Franke (Deutschlandfunk) und Novaya Gazeta.
Die Bedingungen für Umfragen sind auf der Krim derzeit nicht optimal. Das rechtfertigt es jedoch nicht, den Versuch, den Bewohnern der Krim zuzuhören, von vornherein zu unterlassen. Es bedeutet vielmehr, dass die Vorbereitung und Durchführung der Umfrage sowie die Interpretation und Wiedergabe der Ergebnisse aus moralischen und praktischen Gründen besondere Sorgfalt erfordern.
Die Transparenz der Forschung muss mit der Notwendigkeit in Einklang gebracht werden, die Menschen zu schützen, die die Umfrage durchführen und an ihr teilnehmen. Die Krim ist hier kein Einzelfall. Es wurde bewusst entschieden, mit der Umfrage eine Agentur zu beauftragen, die weder ukrainisch noch russisch ist und die Erhebung von ausgebildeten ortsansässigen Forschern durchführen zu lassen. Es sind keine Mitarbeiter des ZOiS auf die Krim gereist. Aus moralischen Erwägungen und Sicherheitsgründen wurde beschlossen, den Namen der Agentur, die die Durchführung der Umfrage koordiniert hat, nicht zu nennen.
Die Umfrage wurde vom 26. März bis zum 3. Mai 2017 auf der Krim und in Sewastopol durchgeführt. Die Teilnehmer wurden in persönlichen Einzelgesprächen befragt. Die Erhebung basiert auf einem repräsentativen Querschnitt von 1.800 Krim-Bewohnern ab 18 Jahren, die teils in der Stadt und teils im ländlichen Raum leben. Ergänzend wurde eine Gruppe von 200 Krimtataren befragt, um sicherzustellen, dass diese in ausreichender Anzahl repräsentiert sind.
Ein vor kurzem durchgeführtes Referendum ist zweifellos ein heikles Thema für eine Befragung. Letztlich lässt sich nicht feststellen, inwieweit Antworten auf die politisch brisanten Fragen zum Status der Krim die echten Überzeugungen der Befragten wiedergeben. Diese Fragen hatten in erster Linie eine Kontrollfunktion. Sie mussten in die Umfrage aufgenommen werden, damit Anzeichen einer potenziellen Abweichung von der offiziellen „Krim nashKrim nasch: Im Zuge der Angliederung der Krim hat sich in Russland eine euphorische Stimmung verbreitet, die mit kaum einem zweiten Begriff so eng assoziiert wird wie Krim nasch – die Krim gehört uns. Der Ausdruck wird inzwischen nicht nur aktiv im Sprachgebrauch verwendet, sondern ziert auch zahlreiche beliebte Merchandise-Artikel. → Mehr dazu auf dekoder.org“-Doktrin („Die Krim ist unser“) nicht unerkannt blieben. Zudem deuten die Antworten auf Diskrepanzen zwischen den Ansichten der Krimtataren und der übrigen Krim-Bevölkerung hin:
Wie würden Sie wählen, wenn das Referendum zur Angliederung der Krim an Russland heute stattfinden würde?
Blau: Andere (n=1642)
Rot: KrimtatarInnen (n=193)
Quelle: Novaya Gazeta, 17. Mai 2018
Die wenigen vorliegenden Berichte westlicher Journalisten, Einzelerfahrungen von UkrainerInnen, die Verwandte auf der Krim besuchen, sowie Berichte von ukrainischen SoziologInnen, KrimtatarInnen und Menschenrechtsorganisationen vermitteln insgesamt das Bild einer Region, in der die Lebensbedingungen härter sind als vor 2014 und ein repressives Regime insbesondere die KrimtatarInnen ins Visier nimmt. Sie legen aber auch nahe, dass die russische Bevölkerung den Status quo mehrheitlich unterstützt.
Die Umfrage zeigt, dass seit 2014 eine umfassende Neuausrichtung der sozialen und politischen Bindungen der Krim-Bevölkerung stattgefunden hat. Mit der Annexion durch Russland wurde die Verbindung zur restlichen Ukraine faktisch abgeschnitten. Dies wirkt sich unmittelbar auf die Familienbeziehungen aus. Die Bevölkerung orientiert sich nach innen, und dadurch ist die Region von äußeren Einflüssen praktisch isoliert.
Haben Sie in den letzten drei Jahren Regionen oder Städte in der Ukraine besucht?
n=1915
Wie oft haben Sie Kontakt mit Ihren Verwandten in der Ukraine?
n=667
Quelle: Thomas Franke, Deutschlandfunk, 29. Oktober 2017
Bewohner der Krim und der Ukraine sollen die Grenze im Gebiet Krim-Cherson einfach überqueren können.
n=1890
Quelle: Novaya Gazeta, 8. Dezember 2015
Im Unterschied zur offiziellen Diskussion in Russland haben die Entwicklungen seit 2014 auf der Krim dazu geführt, dass die regionale Identität, für die der Begriff Krymtschanin (Krimbewohner) steht, gegenüber anderen Kategorien wie „Russe“ weiter gestärkt wurde. 40 Prozent der Befragten sind der Ansicht, dass ihre regionale Identität infolge der Entwicklungen seit 2014 noch mehr gefestigt wurde (58 Prozent sehen keine Änderung und nur 2 Prozent eine Abschwächung).
Das starke Bewusstsein einer ausgeprägten regionalen Identität wird durch eine anders formulierte Frage bestätigt, nämlich die, welchen Ort die Umfrageteilnehmer als ihre „Heimat“ betrachten: Die mit Abstand beliebtesten Antworten waren hier „Der Ort, an dem ich lebe“, also ein konkreter Ort auf der Krim, und „die Krim“ generell:
Was würden Sie auf die Frage nach Ihrer Staatsangehörigkeit antworten?
KrimtatarInnen (n=217)
Andere (n=1679)
Die Multiethnizität ist seit langem ein wichtiger Aspekt im Selbstverständnis der Krim-Bevölkerung. Das bestätigt auch unsere Umfrage: Eine Mehrheit der Befragten stimmt (entweder „absolut“ oder „eher“) der Aussage zu, dass die verschiedenen ethnischen Gruppen, die in der Region leben, eine gemeinsame Identität als Bewohner der Krim haben. Hinter dieser Vorstellung verbirgt sich jedoch ein ausgeprägtes Gefühl der Unsicherheit und ein gewisses Maß an Polarisierung: Die Mehrheit der Befragten gab an, dass die verschiedenen ethnischen Gruppen auf der Krim derzeit friedlich nebeneinander leben – 20 Prozent stimmten dieser Aussage jedoch („absolut“ oder „eher“) nicht zu. Dies deutet darauf hin, dass auch über den krimtatarischen Bevölkerungsanteil hinaus Unsicherheit und Unbehagen in Bezug auf die aktuelle Situation besteht. Dieses Ergebnis spiegelt sich wider in den Reaktionen auf das Verbot des Medschlis – die wichtigste Organisation der KrimtatarInnen, die 2016 von russischen Behörden als sogenannte extremistische Organisation eingestuft wurde.
Quelle: Novaya Gazeta, 4. November 2015
Übersetzung ins Deutsche auf dekoder.org„Die Ukraine hat uns betrogen“: Was denkt man auf der Krim? Anderthalb Jahre nach dem Referendum zum Anschluss an Russland stellt diese Reportage fest: Viele sind sehr zufrieden. → Mehr dazu auf dekoder.org
Auf die Frage, wie sehr sie den verschiedenen politischen Institutionen vertrauen, bekundete die Mehrheit der Befragten ihr Vertrauen in den russischen Präsidenten, gefolgt von der Armee und den staatlichen Institutionen Russlands. Wie aufrichtig diese Antworten sind, ist unter den gegenwärtigen Umständen nicht zu ermitteln. Interessanter ist jedoch das sehr geringe Vertrauen in die regionalen und lokalen Institutionen. Dieser Befund steht im Gegensatz zu dem starken Bewusstsein einer lokalen oder regionalen Identität. Die KrimtatarInnen, die Repressionen ausgesetzt sind, stehen dem derzeitigen Regime eindeutig skeptischer gegenüber. Ihre gesellschaftliche und politische Integration ist deshalb nach wie vor ein potenziell destabilisierender Faktor für Russland.
Ich habe Vertrauen zu …
Die Mehrheit der Befragten gab an, ihre Informationen über die Politik aus russischen Medien zu erhalten. 9 Prozent nutzen vor allem lokale Medien als Informationsquelle. Der Einfluss ukrainischer und internationaler Medien ist vernachlässigbar.
Dieser Umstand und der unausgesetzte Strom von Informationen aus Russland, die durchgängige Ausbreitung von Verbindungen nach Russland sowie die russisch geprägte Sozialisation legen nahe, dass ein offener Widerstand gegen den Status quo in absehbarer Zeit wenig wahrscheinlich ist.
Quelle: Novaya Gazeta, 26. November 2015
Wenn die Frage nach der wirtschaftlichen Lage konkretisiert wird durch Bezug auf die persönliche finanzielle Situation (die Befragten wurden gebeten, eine Option zu wählen), zeigt sich deutlich eine Diskrepanz zwischen der allgemeinen Einschätzung der Wirtschaftslage auf der Krim und der Alltagserfahrung der Bevölkerung. Insgesamt entsteht der Eindruck, dass die große Mehrheit der Krim-Bevölkerung erheblichen finanziellen Einschränkungen ausgesetzt ist.
Wie zufrieden sind Sie mit der wirtschaftlichen Situation?
Blau: … in Russland? (n=1846)
Rot: … auf der Krim? (n=1904)
Quelle: Thomas Franke, Deutschlandfunk, 29. Oktober 2017
Die Preise für Waren des alltäglichen Bedarfs sind auf der Krim in den letzten zwei Jahren …
n=1952
Quelle: Novaya Gazeta, 12. Mai, 2018
Welche Aussage beschreibt die Situation Ihrer Familie am besten?
n=1905
Quelle: Novaya Gazeta, 5. Juni, 2018

Thomas Franke, freier Reporter, Autor und Produzent, bereist die ehemaligen Sowjetunion seit mehr als 25 Jahren. Sein Buch Russian Angst. Einblicke in die postsowjetische Seele erschien 2017 in der Edition Körber-Stiftung. Mit Gesine Dornblüth betreibt er das Journalistenbüro texte und toene in Berlin. Beide reisten zuletzt 2017 gemeinsam auf die Krim.

Gwendolyn Sasse ist Wissenschaftliche Direktorin des Zentrums für Osteuropa- und internationale Studien (ZOiS) in Berlin und Professor of Comparative Politics an der Universität Oxford.